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Die Angst vorm Anfangen

Aller Anfang ist schwer. Den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung hätte ich vor ein paar Jahren noch auf höchstens 20 Prozent geschätzt. Mittlerweile habe ich diesen Prozentsatz weit nach oben korrigiert. Anfangen fällt mir momentan höchstens leicht, wenn es um eine neue Serie geht. Und in dem Moment, in dem ich diesen Satz beendet habe, fällt mir ein, dass ich damals in eine mittelschwere Depression gerutscht bin, als ich alle Folgen von Game of Thrones durch hatte. Und als ich mit Suits durch war, habe ich ganze zwei Tage gebraucht, um mich wieder auf eine neue Serie einzulassen. Also vergesst das mit der neuen Serie.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Deshalb fiel es mir wohl nach Game of Thrones so schwer, eine Serie anzusehen, bei der man nicht alle fünf Minuten einen nackten Körper sieht. Abgesehen davon, dass ich meinen lieben Jon Snow vermisst habe. Aber da Game of Thrones ja nun zum Glück wieder läuft und ich Kit Harington wieder auf dem Schirm habe, kann ich endlich mal zum Punkt kommen: Anfangen ist schwer. Um nicht zu sagen:  Anfangen ist kacke. Vor jedem Anfang steht die Prokrastination. Man versucht, den Beginn von was auch immer so lange es geht hinauszuzögern. Ich würde behaupten, dass dieses Phänomen 9 von 10 Studenten bekannt ist und der zehnte Student lügt. Oder er ist ein Streber. In beiden Fällen hat er wohl nicht allzu viele Freunde.

Ich selbst bezeichne mich jedenfalls als Meisterin im Prokrastinieren. Meine Technik dafür basiert auf einer ordentlichen Portion Selbstbeschiss. „Da hab ich jetzt keine Lust drauf, das mach ich morgen.“ „Ich hab keine Zeit dafür, ich muss mir jetzt die Fingernägel lackieren.“ „Heute kann ich unmöglich zur Vorlesung gehen, es regnet.“ Das ist nur die Top 3 meiner Ausreden. Nur, dass ich mir sehr selten tatsächlich die Fingernägel lackiere. Eher checke ich schnell mal meine liebsten sozialen Netzwerke durch und dann ist so viel Zeit vergangen, dass ich wieder von vorne anfangen muss, weil in der Zeit ja schon wieder so viel passiert ist. Ihr seht also, dass ich durchaus Zeit habe, ich nutze sie nur nicht immer so effizient, wie ich gerne würde.

Natürlich spiele ich, wie immer, auf ein spezielles Beispiel an: Es ist jetzt gut einen Monat her, dass ich mein Buch zum vierten Mal über Bord geworfen habe. Seitdem will ich neu anfangen, aber ich habe mich bis jetzt noch nicht überwunden. Diese Woche steht das Anfangen mit meinem Buch sogar in meinem Kalender, damit ich keine Chance habe, es wieder zu „vergessen“. Das Problem ist allerdings, dass ich es gar nicht wirklich vergesse. Es ist ständig in meinem Kopf. Das eigentliche Problem ist, dass ich gewaltigen Schiss davor habe, wieder anzufangen. Was komplett bescheuert ist, denn was soll denn bitte passieren? Im besten Fall schreibe ich einen Bestseller und im schlimmsten Fall wird mein Buch von den Medien verrissen – oder ich verwerfe es ein fünftes Mal. Ich glaube, davor habe ich insgeheim am meisten Angst. Davor, dass es nicht das letzte Mal sein wird, dass ich neu anfangen muss. Neu anzufangen, bedeutet nämlich immer auch, sich einzugestehen, dass man versagt hat. Dass man sein Baby nicht auf die Art großgezogen hat, wie man es gerne getan hätte und es nun zum verwöhnten Arschlochkind mutiert. Da hat ein Buch allerdings den Vorteil, dass man es einfach löschen kann, wenn es einem nicht mehr gefällt. Mit Kindern ist das weitaus schwieriger. Die könnte man zwar im Wald aussetzen, aber im schlimmsten Fall finden die wieder nach Hause. Fragt meine Mutter, die kennt sich damit aus. (Mama, falls du das liest: Ich hab dich lieb und das war ein Scherz. Ich weiß ja, dass ich dich als Kind nicht gestört habe.)

Vielleicht ist das eigentliche Problem die Idee des Buches. Möglicherweise überzeugt sie mich nicht mehr so wie am Anfang, wobei ich der festen Meinung war, dass ich zu hundert Prozent dahinter stehe. Endlich hatte ich mal eine gute eigene Idee, die meines Wissens niemand bisher umgesetzt hat. Schon allein deshalb will ich mir nicht eingestehen, dass die Idee doch nichts taugen könnte. Ich weiß nämlich, dass es nicht so ist. Vielleicht ist sie nur nicht die richtige Idee für mich. Das mit der perfekten Buchidee ist so ein bisschen wie mit dem perfekten Partner. Man kann einen umwerfenden Mann kennenlernen, der aufmerksam ist, einen mit Komplimenten überschüttet, gut aussieht und im besten Fall sogar noch reich ist und dann… lernt man ihn besser kennen und kommt plötzlich überhaupt nicht mit ihm klar. Aus welchem Grund auch immer. Vielleicht hat er einen komischen (oder noch schlimmer gar keinen) Humor, hält Richard Wagner für einen Pizzabäcker, singt unter der Dusche Helene Fischer oder hat sonst irgendwelche inakzeptablen Angewohnheiten, mit denen man sich nicht arrangieren kann und will. Der Funke ist plötzlich nicht mehr da. Diesen Funken gibt es auch zwischen einem Autor und seinem Buch. Der zwischen mir und meinem Projekt ist leider sehr launisch. Vielleicht bleibt er ja bei diesem fünften Versuch mal da. Ich werde es nie erfahren, wenn ich nicht endlich mal anfange. Ich habe mir fest vorgenommen, es diese Woche zu tun. Das werde ich auch machen, egal, wie viel Überwindung es mich kostet. Schließlich ist ja aller (Neu-)Anfang schwer, oder?

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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6 Comments

  1. wortgeflumselkritzelkram
    4 Jahren ago

    helene fischer geht weder unter der dusche noch sonstwo. kids im wald auszusetzen halte ich grade für eine ganz wundervolle idee. und wenn dein buch so wird wie deine beiträge hier, wird es gut. vielleicht machst du dir zu viel gedanken?

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      4 Jahren ago

      Wobei ich mir seit der die immer lacht die Helene schon manchmal zurückwünsche 😉 danke für deine Worte, ich glaube auch dass ich mich da einfach zu sehr verkopfe 🙂

      Reply
  2. wortgeflumselkritzelkram
    4 Jahren ago

    also, was ich sagen wollte: der funke zwischen deinem post und mir zündet….

    Reply
  3. Michaela
    4 Jahren ago

    Wenn ich an mich denke, ist es vor allem auch die Angst vorm Scheitern. Wenn ich etwas anfange, ist es scheitern, wenn ich es nicht zu Ende bringe, aber auch wenn das Ergebnis nicht zufriedenstellend ist. Deswegen fange ich dann etwas gar nicht erst an. Was total bescheuert ist – und deswegen fange ich nun das an, an dem ich arbeiten sollte. 😀

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      4 Jahren ago

      Dann fangen wir gemeinsam an und unterstützen einander mental 😉

      Reply
  4. Mai-Lieblinge – einfach nur sein
    3 Jahren ago

    […] habe, wieder anzufangen. Was komplett bescheuert ist, denn was soll denn bitte passieren?” Die Angst vorm Anfangen von Die mit dem roten […]

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