In Column

Eigenarten, die man entwickelt, wenn man in Wien wohnt

Als Tourist begegnet man einer Stadt ganz anders, als wenn man eine Zeit lang dort gewohnt hat. Ich weiß noch, wie ich damals, als ich immer nur zu Besuch in Wien war, fasziniert von allem dort war und fast schon ehrfürchtig durch die Straßen gewandert bin. Nun wohne ich seit einem halben Jahr hier und man kann sagen, dass ich wie ein anderer Mensch durch die Stadt wandle und gewisse Marotten entwickelt habe.

Strategisches U-Bahn-Fahren

Als ich noch als Touri in Wien war, habe ich beim U-Bahn-Fahren keine genaue Strategie verfolgt – ich bin einfach nur gefahren. Doch je öfter ich in Wien mit der U-Bahn gefahren bin, umso mehr hat sich das geändert. Man lernt seine Stammstationen immer besser kennen und passt sich entsprechend an. Ich kenne mittlerweile die genauen Punkte, an denen ich einsteigen muss, um beim Aussteigen einen möglichst kurzen Weg zurücklegen zu müssen.

Muss ich am Praterstern umsteigen, steige ich in der Mitte ein, da ich weiß, welcher Ausgang sich am nächsten an der Rolltreppe dort befindet. Will ich zur Uni, steige ich so weit vorne wie möglich ein, weil hier die Rolltreppen an den beiden Enden der Bahnsteige zu finden sind. Wer die Station Schottentor kennt, weiß, wie beschissen eng der Bahnsteig dort ist und wie viel einem da im Weg steht und dass man froh ist, wenn man so wenigen Menschen wie möglich aus dem Weg gehen muss. Dieses Verhalten kommt übrigens auch bei Straßenbahnen zum Einsatz und es spart einem einige wertvolle Sekunden.

Man steht nicht mehr auf der Rolltreppe

Zeit sparen ist auch hier ein gutes Stichwort. Klar, Rolltreppen sind super praktisch, aber irgendwann hört man auf, einfach nur darauf zu stehen, sondern reiht sich immer links ein, um sich an den Stehenden vorbeizuschlängeln. Solange ich keinen schweren Koffer transportieren muss oder verdammt unbequeme Schuhe trage, in denen jeder Schritt wehtut (was ich so gut wie nie mache), wird auf der Rolltreppe nicht mehr gestanden. Ich kann euch gar nicht sagen, wie viele U-Bahnen ich auf diese Weise noch gerade so erwischt habe. Und ich habe ein weniger schlechtes Gewissen, wenn ich meine Joggingrunde aufgrund des kalten Wetters ausfallen lasse.

Außerdem macht es mir zugegebenermaßen immer wieder Spaß, Menschen, die immer noch nicht verstanden haben, dass man rechts steht, sanft anzurempeln und ihnen auf die feine Wiener Art ein paar liebevolle Schimpfworte entgegen zu schleudern 😉

Man geht nicht mehr in den ersten Bezirk

Der erste Bezirk, für alle, die sich mit Wien so gut auskennen wie ich mit Kernphysik, ist das touristische und geografische Zentrum von Wien. Wer als Tourist in Wien ist, landet früher oder später hier. Geht kaum anders, denn so ziemlich jeder Touri geht mindestens einmal zum Stephansdom, zur Hofburg oder zur Ringstraße – habe ich auch immer getan. Und auch in den ersten Wochen, die ich in Wien verbracht habe, bin ich immer noch gerne auf den ausgetrampelten Pfaden gewandelt.

Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem der erste Bezirk nicht mehr unbedingt zur beliebtesten Adresse gehört. Warum? Man ahnt es – wegen der vielen Touristen. Ich glaube, das Verhältnis zwischen Touristen und Einheimischen liegt um den Stephansplatz herum bei 90:10 – wenn überhaupt. Und ich habe nichts gegen Touristen, aber sich durch die Massen durchzukämpfen und alle paar Meter einen Stadtplan ins Gesicht geschleudert zu kriegen, ist nicht gerade angenehm. Aber es hilft ungemein, wenn man die Wiener verstehen will. Wer schon mal versucht hat, sich von der Oper zum Stephansplatz und in weiterer Folge zum Schwedenplatz zu quetschen, beginnt zu verstehen, warum die Wiener Menschen so zu hassen scheinen.

Man rennt zur U-Bahn – immer.

Nachdem ich von zuhause gerade nachts daran gewöhnt bin, dass die Öffis in Innsbruck eher sporadisch fahren, hatte ich eigentlich damit gerechnet, dass ich in Wien etwas entspannter an die Sache herangehen würde. Immerhin kommt die U2 deutlich öfter als der Bus, der mich in meinen süßen Vorort gebracht hat, und in der U-Bahn-Station ist es außerdem meistens schön warm. Aber denkste. Es ist vollkommen egal, ob man es eilig hat oder nicht – wenn man merkt, dass die U-Bahn im Begriff ist, einem vor der Nase wegzufahren, wird ein Sprint hingelegt, der Usain Bolt vor Neid erblassen ließe. Immer. Egal, wie müde, verkatert oder tiefenentspannt man auch sein mag.

So, das ist nur eine kleine Liste der Eigenarten, die ich entwickelt habe, seit ich in Wien wohne. Dass ich außerdem angefangen habe, die Polizei als Kieberer zu bezeichnen und die Worte „Beidl“ und „leiwand“ in mein Alltagsvokabular aufzunehmen, ist mir keinen eigenen Unterpunkt wert, jeder, der mal mit mir gesprochen hat, weiß das. Ich glaube, viele der Punkte lassen sich auch auf andere Großstädte anwenden – aber das können andere besser beurteilen.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

Share Tweet Pin It +1

You may also like

Das multikulturelle Weißbrot

Posted on 12. März 2018

Nenn mich nicht Maus, Schätzchen!

Posted on 19. Februar 2017

Wie man Fernsehbeiträge NICHT macht

Posted on 13. August 2016

Previous PostWann ist eine Verabredung eine Option geworden?
Next PostDas multikulturelle Weißbrot

2 Comments

  1. Babsi
    8 Monaten ago

    Sehr interessant und gleichzeitig amüsant. Ich als notorischer Faulpelz, der nie im Leben Bus, Straßen- oder U-Bahn nachhechten würde, kann mir das schwer vorstellen. Ist fast befremdlich, dass du meinst, man würde direkt kostbare Sekunden sparen, aber andererseits ist Wien sehr hektisch und dann ergibt es wieder Sinn… 😀

    Das mit dem ersten Bezirk war mir nie so bewusst, aber bei dem Teil mit dem Stadtplan, der einem ins Gesicht fliegt, musste ich lachen. Schön formuliert. 😀

    Reply
    1. Julie
      8 Monaten ago

      Wien ist eigentlich für eine Großstadt recht gemütlich, finde ich 😀 Aber ich verstehe, was du meinst. Hier hechtet so gut wie jeder zur U-Bahn, obwohl die nächste in ein paar Minuten käme 😀
      Vielen Dank für die Blumen 🙂
      LG Julie

      Reply

Leave a Reply