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1000 schlechte Bücher

Ich lese sehr häufig, welches Gefühl sich bei den Menschen einstellt, wenn sie ein gutes Buch lesen. Man vergisst die Welt um sich herum, fängt an zu träumen und es ist, als würde man der Realität entfliehen, um in der Welt des Buches weiterzuleben. Das ist natürlich der Idealfall. Es kann allerdings auch komplett anders kommen. Man kann ein Buch lesen und es scheinen immer mehr Seiten zu werden, anstatt weniger. Man schaut während des Lesens aufs Handy und checkt nur mal kurz Instagram, um zu sehen, welche sympathische Maus nun wieder gehypt wird, obwohl einen das sonst null interessiert. Einfach nur weil es interessanter ist als das Buch, das man in den Händen hält.

Der Mensch braucht schlechte Bücher ungefähr genauso sehr, wie ein Fisch ein Fahrrad braucht. Für mich gibt es nichts Unbefriedigenderes, als Geld für ein Buch rauszuschmeißen, das es im Endeffekt überhaupt nicht wert war. Leider lässt man sich sehr oft vom Cover und vom Klappentext blenden und so landen oftmals völlige Enttäuschungen im Warenkorb und wahre Meisterwerke schaffen es niemals ins Regal. Ich muss zugeben, ich bin bei Klappentexten sehr ungnädig. Wenn die mit einem Namen beginnen, haben sie es sehr schwer, sich meine Sympathie zu erkämpfen. Sobald ich „Rebecca Soundso ist eine ganz normale Frau“ oder „Hans Guckindieluft ist erfolgreicher Fernsehjournalist und doch blablabla“ am Anfang eines Klappentexts lese, lege ich das Buch innerhalb weniger Sekunden zurück, weil es mich schon annervt, wie unkreativ das Thema präsentiert wird. Das ist leider auch ein Aspekt der Journalistenkrankheit – sobald man selber lernt zu teasern, stört es einen gewaltig, wenn es andere nicht können. Und leider können das viele nicht. Die meisten Autoren verlieren ihre Leser zu Beginn des Buchs, indem sie die Einleitung verkacken. Ja, ist leider so. Aber die sind wenigstens ehrlich und geben gleich zu, dass sie nicht schreiben können.

So. Ich hoffe, ihr habt bis hierhin gelesen und ich habe mich nicht auch schon zu Beginn als schlechte Schreiberin geoutet. Was ich allerdings viel schlimmer finde als schlechte Einleitungen, sind schlechte Mittelteile. Bei einer schlechten Einleitung kann man sich immerhin schnell dazu entscheiden, das Buch einfach wieder wegzulegen – idealerweise noch im Laden selbst. Ist der Teaser aber super und der Mittelteil zum Einschlafen, will man meistens schon nicht mehr aufgeben, weil man es ja schon so weit geschafft hat. Das ist allerdings nicht gerade ein Satz, mit dem ich die Phrase „Freude am Lesen“ beschreiben würde. Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr ein Buch in der Hand habt, eure Augen überfliegen die Zeilen, ohne sie richtig zu registrieren und ihr blättert einfach irgendwann um und könnt euch einen Moment später nicht mehr daran erinnern, was ihr gelesen habt? Gratuliere, entweder seid ihr frisch verliebt und daher extrem unkonzentriert oder ihr haltet schlicht und ergreifend ein schlechtes Buch in der Hand. Natürlich dürft ihr auch aus anderen Gründen unkonzentriert sein, das ist nicht nur den Pärchen vorbehalten.

Meine beiden Lieblingsbeispiele für miese Romane sind Twilight und Shades of Grey. Zwischen den beiden kann ich mich nie so richtig entscheiden, aber die Story ist eh mehr oder weniger dieselbe: Naives Mädchen mit einem Charakter, der ungefähr so viel Tiefe hat wie ein Suppenteller, verliebt sich in einen Kerl, der im ersten Moment viel zu gut für sie scheint. Irgendwann so im schlecht geschriebenen Mittelteil erfährt man jedoch, dass der Kerl eigentlich noch abgefuckter ist als das Mädchen, in dem er aber etwas ganz Besonderes sieht, das ihn zu einem besseren Menschen machen könnte –was dann in drei oder vier Bänden unheimlich langweilig beschrieben wird. Und weil das immer noch nicht reicht, gibt’s dann auch noch ein eigenes Buch aus der Sicht des Mannes, bei dessen Lektüre wahrscheinlich jeder Mann in meinem Bekanntenkreis einen Lachkrampf nach dem anderen bekommen würde. Der einzige wirkliche Unterschied zwischen diesen Büchern ist, dass die eine Dame einen auf Fantasy macht, während die andere sich an Softpornos versucht.

Twilight und Shades of Grey sind die einzigen Bücher, bei denen ich die Verfilmungen tatsächlich besser finde – und wenn man bedenkt, wie viele Goldene Himbeeren Shades kassiert hat, will das schon was heißen. Naja, ich will nicht unfair sein, den ersten Band von Twilight fand ich sogar noch ganz gut. Wenn Stephenie Meyer da einfach Schluss gemacht hätte und Edward Bella am Ende in den Hals gebissen hätte, hätte ich die Story vielleicht sogar ganz gelungen gefunden. Aber durch Band 2 musste ich mich wirklich durchbeißen. Ungefähr ab Seite 100 habe ich mich dabei ertappt, wie ich immer öfter mal überprüft habe, wie viel ich noch vor mir habe, bis das Buch endlich mal vorbei ist. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass ich einmal mit dem aufgeschlagenen Buch auf meiner Brust aufgewacht bin. Und normalerweise kann ich nur auf dem Bauch einschlafen. Was sagt uns das?

Aber da ich ja ein sehr toleranter Mensch bin, habe ich mich nun entschlossen, dem zweiten Band von Shades of Grey eine Chance zu geben. Ich bin auf Seite 69. Das ist nicht nur das erotische Highlight meines Tages, es heißt auch, dass ich nur noch 535 Seiten vor mir habe. Naja, nur ist gut gesagt. Es ist nämlich auch hier wieder sehr zäher Stoff. Aber wir haben schon die erste „erotische“ Szene hinter uns. „Erotisch“ setze ich deshalb unter Anführungszeichen, weil Shades of Grey dieses Wort neu definiert. Die Sexszenen amüsieren mich nämlich immer wieder, weil sie so weit von der Realität entfernt sind, dass sie selbst eine zwölfjährige Jungfrau besser hinkriegen würde. Überhaupt habe ich schon einen ganz steifen Nacken vom Lesen. Kommt vom vielen Kopfschütteln. Wenn ich das Buch durch habe, habe ich mir wahrscheinlich eine ordentliche Muskulatur in diesem Bereich antrainiert. Aber ich brauche ja nur noch 31 Seiten, dann bin ich schon auf Seite 100 und dann ist ein ganzes Sechstel geschafft, das sind immerhin 16,66 Prozent. Ich unterteile auch meine Vorlesungen immer in Intervalle. Ist leichter zu überblicken und dann vergeht die Zeit schneller. Ups, sollte bei einem guten Buch die Zeit nicht nur so verfliegen?

Bevor ich mich an diesen Beitrag gesetzt habe, war ich tatsächlich dabei, Shades of Grey weiter zu lesen. Dann allerdings habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Manche Bücher sind am besten, wenn man sie einfach zuklappt und sich stattdessen anderweitig beschäftigt.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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13 Comments

  1. m0reniita
    3 Jahren ago

    Herrlich!! Ich wollte schon immer mal auf deinem Blog, um einen Artikel von dir zu lesen, aber wie du weisst, habe ich momentan Null Zeit. Heute habe ich mir kurz Zeit genommen und ich liebe es, wie du schreibst!

    Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich sowohl Twilight als auch Shades of Grey verschlungen habe (shame on me) 😀 aber ich kenne auch Bücher, die ich wirklich schlecht fang und sie trotzdem zu Ende gelesen habe, einfach um den Büchern doch noch eine Chance zu geben oder auch weil mich das Geld sonst gereut hätte. Hihi.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Ach Morena, ich hab mich grad so gefreut, als ich gesehen habe, dass du kommentiert hast, danke ?
      Ach, Geschmäcker sind verschieden und das ist gut so 😀 ich hab mich auch schon durch ein paar Bücher durchgekämpft, bei manchen kam dann doch noch was Gutes bei raus, aber das ist leider eher selten hab ich das Gefühl 😀
      Schönen Samstag ❤

      Reply
  2. stefanini
    3 Jahren ago

    Ich fand allerdings Twilight 1 schon ziemlich schlecht und hab nicht mehr weitergelesen … aber ich würde durchaus auch zugeben, dass ich bücher lese, die andere sicher furchtbar finden. Vor allem in meinem halbreifen alter von 34 Jahren. Die Luna-Chroniken von Melissa Meyer wären da ein Beispiel …

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Der erste Band war für mich nicht ganz so schlimm, weils da zumindest noch ein bissl Story hatte.
      Die Luna-Chroniken kenn ich beispielsweise gar nicht 😀

      Reply
  3. franzisworldsite
    3 Jahren ago

    Interessant, das mit dem Mittelteil kann ich absolut bestätigen, wenn man ab einer gewissen Seite das Gefühl hat, das wird nix, sollte man aufhören. Was den langweiligen Anfang angeht habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sich manchmal wirklich lohnt, sich durchzubeissen. Ich finde zum Beispiel, bei den meisten Stephen King Büchern sind die ersten 200 oder so Seiten sehr langatmig und danach extrem interessant, besonders extrem fand ich das bei der Dark Tower Serie, da fand ich sogar die ersten 2 1/2 Bücher langweilig, was danach kommt gehört zu meinen Favoriten, ein anderes gutes Beispiel ist „der Ekel “ von Sartre, für die ersten 50 Seiten hab ich fast ein Jahr gebraucht, für den Rest 3 Tage

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Ich habe auch noch nen Stephen King bei mir liegen den ich bis ungefähr Seite 200 gelesen und dann weggelegt habe, aber nach deinem Kommentar gebe ich ihm vielleicht noch eine Chance 😀

      Reply
  4. meinmedienguide
    3 Jahren ago

    Was mich an schlechten Büchern am meisten nervt, ist die Zeit, die ich dafür verschwendet habe. Leider will ich dann doch meistens wissen, wie es ausgeht. Um dem vorzubeugen, find ich es super, vorher Rezensionen zum Buch zu lesen 🙂
    Dass ich ein Buch richtig schlecht finde, passiert meistens, entweder, wenn ohne Unterbrechung allesistganzfurchtbarundeineKatastrophe-Stimmung verbreitet wird ( Beispiel: ) oder wenn die Story und die Charaktere vollkommen einfallslos, klischeehaft und schon hundert mal dagewesen sind (Beispiel: „Hummeln im Herzen“ von Petra Hülsmann, wobei da das Ende immerhin weniger doof ist als das sonstige Buch, das sich zieht wie 50 Kaugummis).
    Ich finde übrigens auch, dass du super schreibst 🙂

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Ja genau. Die Zeit, die man nicht mehr zurück bekommt ist eigentlich noch schlimmer als die zehn Euro, die man für das Buch investiert hat.
      Das mit der Katastrophe finde ich auch schrecklich, mag das auch nicht, wenn Menschen so sind.
      Und danke, das freut mich sehr 🙂

      Reply
  5. meinmedienguide
    3 Jahren ago

    Oh den Link beim 1. Beispiel zeigt’s nicht an :-D, dann ohne: „Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“ von Rachel Joyce 😉

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  6. lophornia
    3 Jahren ago

    Als Kind und Teeny hatte ich noch den Drang, Bücher zu Ende zu lesen, egal wie sehr sie mir missfallen haben. Inzwischen mache ich das nicht mehr – Zeitverschwendung. Ein Buch bekommt 100 Seiten Zeit, mich zu überzeugen, wenn ich es dann nicht aus irgendeinem anderen Grund lesen „muss“, kommt es weg.
    Twilight und Shades of Grey habe ich nur ausschnittweise gelesen und hatte Angst um meine IQ-Punkte, weshalb ich mich lieber von diesen Büchern ferngehalten habe. 😉

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    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Mache ich mittlerweile genau so. Und deine Meinung zu Shades und Twilight finde ich äußerst sympathisch ;D

      Reply
  7. tragischmagisch
    3 Jahren ago

    Habe beim Lesen laut auflachen müssen – also du bist bei gott keine schlechte Schreiberin! Supertoll! 🙂

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    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Danke das freut mich total 🙂

      Reply

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