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Was man sich lieber verkneifen sollte

Pressefreiheit – laut Wikipedia das Recht von Rundfunk, Presse und anderen Medien auf freie Ausübung ihrer Tätigkeit, vor allem das unzensierte Veröffentlichen von Informationen und Meinungen. Hört sich so schön an. Als wäre die Presse frei von jeden Regeln und dürfe alles schreiben, solange es nur wahr ist. Wie alles, das sich im ersten Moment schön anhört, ist aber auch das in manchen Punkten eine Illusion, sonst stünde der Presserat schon aufgrund seiner Redundanz in der Schlange vor dem Arbeitsamt.

Tatsächlich habe ich im Laufe meiner Ausbildung einiges gelernt, über das man eben nicht – oder nur mit besonderer Vorsicht – schreiben darf.

Ich meine, dass ich jetzt nicht „Hitler ist der Größte“ irgendwo schreiben und ein Foto mit Hitlergruß darunter setzen sollte, ist für mich schon irgendwie klar. Ist ja auch rechtlich irgendwo verankert – genau, damit ich so etwas nicht wissen muss, habe ich mein Jurastudium abgebrochen. So etwas versteht sich für mich von selbst. Doch auch in anderen Bereichen gibt es einige Restriktionen, mit denen ich persönlich Probleme hatte, weshalb ich in diesem Leben vermutlich auch keine Tageszeitungsjournalistin mehr werde – mal abgesehen davon, dass es todlangweilig ist, so trockene Artikel zu verfassen, die null schriftstellerischen Talentes bedürfen. Hauptsache, man bringt so viele Fakten wie möglich auf so wenig Platz wie möglich ein. Mal im Ernst, wer will denn das lesen? Gut, offensichtlich einige Menschen auf diesem Planeten, sonst wären die Tageszeitungen schon längst ausgestorben. Nur weil ich zu den Menschen gehöre, die lieber kreativ statt sachlich arbeiten, muss es ja nicht allen so gehen. Auch, wenn ich persönlich das sehr schade finde. Ich glaube, mit mehr Kreativität wäre diese Welt ein schönerer Ort – oder ein sehr gefährlicher, weil die menschliche Grundaggressivität gepaart mit Einfallsreichtum einige sehr unschöne Foltermethoden hervorbringen könnte. Leute, die ihren Kindern Namen wie Jacqueline-Juanita oder Jeremy-Pascal geben, sind hierfür ein schönes Beispiel.

Nun aber zurück zum eigentlichen Thema. Ich habe schon mit einigen Tageszeitungsjournalisten darüber diskutiert, die mir erklären wollten, dass diese Regelung absolut legitim ist, während ich sie einfach nur fragwürdig finde. Und zwar geht es um das Thema Selbstmord, pardon: Suizid. Selbstmord sollte man nämlich in einer Zeitung nicht schreiben. Das hat zum einen den Grund, dass Mord etwas ist, das man nur anderen Menschen antun kann, nicht sich selbst, womit das Wort in sich einen Widerspruch darstellt – sagen zumindest die Tageszeitungsjournalisten, mit denen ich darüber gesprochen habe. Ich persönlich finde, wenn man jemand anderem ein Messer in die Brust rammen kann, kann man das bei sich selbst auch tun. Physiologisch ist das nicht unmöglich. Gut, aber mit dem Wort an sich habe ich keine Probleme, wenn Selbstmord zu brutal klingt, schreibe ich eben Suizid, meine Güte. Ist mir auch schon egal. Das Problem ist nur, man darf über Suizid auch nur begrenzt und am besten gar nicht schreiben. Stichwort Werther-Effekt.

Das ist auch schon der Punkt, an dem die eigentlich harmlose Frage, warum man nicht über Suizid schreiben darf, immer in eine lebhafte Diskussion ausgeartet ist. Erstens, danke an meine Mutter, die sich ausgiebig mit der Goethezeit beschäftigt hat, ist der Werther-Effekt auf heute nicht mehr wirklich anwendbar, weil sich damals die Menschen einfach nicht umgebracht haben. Das kannte man nicht und das tat man auch nicht. Der Werther-Effekt war quasi eine Revolution, die Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther ausgelöst hat. Heutzutage ist es keine Revolution mehr, wenn sich jemand das Leben nimmt. Heute zuckt man nur die Schultern, spricht den Angehörigen sein Beileid aus und denkt sich: Ja, der wird schon Probleme gehabt haben. Sonst passiert da heute nicht mehr viel.

Was viele nicht wissen, ist, dass der Werther-Effekt sich nicht allein auf die Suizidrate beschränkt hat, sondern, dass sich die Leute auch anders kleideten, um ein wenig mehr ihrem Romanidol zu entsprechen. Was lernen wir also daraus? Genau, Menschen sind Nachmacher. Ich könnte mich jetzt darüber auslassen, dass viel zu vielen Menschen der Sinn für Individualität fehlt (was auch durchaus meine Meinung ist), aber darauf will ich nicht hinaus. Mein Problem an der Sache ist nämlich nicht, dass sich meine Nachbarn dasselbe Auto zugelegt haben wie ich, oder dass eine Freundin nun auch eine Vorliebe für roten Lippenstift hat. Das, was mir einfach nicht in den Kopf hineingeht, ist: Wenn Menschen solche Nachmacher sind, dass man befürchten muss, dass die halbe Stadtbevölkerung von der nächsten Brücke springt, wenn sie das böse S-Wort in der Zeitung lesen, warum darf man dann über Morde, Vergewaltigungen und Terroranschläge berichten?  Wenn Suizid schon totgeschwiegen (sorry, das Wortspiel konnte ich mir nicht verkneifen) werden muss, warum ist es dann legitim, über etwas zu berichten, das die Leute ebenso zum Nachahmen animieren könnte? Ich fände das bei „richtigen“ Verbrechen nämlich ein wenig problematischer als bei Suizid.

Vielleicht ist meine Meinung absolut unangebracht, vielleicht wäre sie der Schlüssel zu ewigem Frieden – gebt den Leuten einfach nichts mehr, das sie nachahmen können. Wir werden es wohl nie erfahren. Fest steht jedenfalls, dass sie nur ein weiterer Grund für mich ist, im Bereich der Magazine zu bleiben. Hier fühle ich mich wohl, hier komme ich nicht in die Verlegenheit, ganz trocken über Verbrechen schreiben zu müssen, die ich absolut schrecklich finde. Wir haben andere schreckliche Dinge, wie zum Beispiel Infografiken. Aber dazu komme ich ein anderes Mal.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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Posted on 17. Oktober 2016

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13 Comments

  1. jackyswelt
    3 Jahren ago

    Wieder ein super Beitrag!
    Ich habe die leichte Kritik über den Namen Jacqueline einfach mal überlesen.. Aber ich sehe mich immer wieder gezwungen diesem „Schubladendenken“ einiger Menschen über Kevins, Justins und Jacquelines ein Ende zu setzen indem ich sie mit irgendwelchen Fachtermini oder meinem Abitur schocke, einfach um zu beweisen, das nicht (immer) allein der Name über den IQ entscheidet.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Dankeschön 🙂
      Die Kritik war nicht auf Jacqueline alleine bezogen, eher auf die Kombi 😉 also ich wollte dich keinesfalls angreifen 😀
      Ich muss das eh auch immer beweisen, Stichwort doofe Blondine

      Reply
      1. jackyswelt
        3 Jahren ago

        Da bin ich aber erleichtert.. aber angegriffen gefühlt habe ich mich nicht, da bin ich schlimmeres gewohnt. Ja, die Kombi ist auch wirklich hart! Blond bin ich glücklicherweise seit einigen Jahren nicht mehr, aber ich kann mir vorstellen wie du dich fühlst.

        Reply
        1. diemitdemrotenlippenstift
          3 Jahren ago

          Na dann 😀
          Ah ich bin gerne blond, war ja davor auch zeitweise brünett und jetzt gings wieder freiwillig zurück zur Naturhaarfarbe 🙂

          Reply
          1. jackyswelt
            3 Jahren ago

            Gute Entscheidung! ich finde dein blond auch wirklich schön, vorallem in Kombi mit dem Roten Lippenstift. 😉 meins war eher „dreckig“

          2. diemitdemrotenlippenstift
            3 Jahren ago

            Danke dir 🙂
            Wobei ich ja finde dass das auch was hat 🙂

          3. jackyswelt
            3 Jahren ago

            Ich hab mich dann für ein henna-rot entschieden, das gefällt mir bisher am besten!

  2. derhilden
    3 Jahren ago

    §86a StGB i. V. m. §86 Abs. 1 Nr. 1,2 und 4. Sorry, den konnte ich mir nicht verkneifen. 😀
    Aber wirklich sehr interessant, was du schreibst. Die Leiden des jungen Werther habe ich auch im Deutschunterricht lesen müssen, aber vom Werther-Effekt hab ich noch nie gehört. Schon so früh am Morgen was gelernt, genial! Ich kann mir aber in der heutigen Zeit auch nicht mehr vorstellen, dass das bloße Schreiben über Suizid große Zahlen an Nachahmern hervorbringt. Abgesehen von den vereinuelten Trittbrettfahrern.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Ist das der Paragraph, in dem drin steht, dass man Hitler nicht verherrlichen darf? 😀
      Dankeschön 🙂 freut mich, wenn ich auch mal was sinnvolles für die Allgemeinheit produziere 😀
      Ne ich glaube auch, dass es da um Einzelfälle geht aber ich denk mir, wenn die nicht sowieso gefährdet wären, würde es sie auch nicht kratzen, wenn sie das Wort in der Zeitung lesen. Ich glaub kaum, dass jemand die Zeitung aufschlägt, das S-wort darin liest und sich denkt „so und jetzt mag ich nicht mehr.“

      Reply
      1. derhilden
        3 Jahren ago

        Genau, die Strafandrohung bei der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole.
        Sehe ich auch so. Medien haben ohne Frage eine große Wirkung, besonders die Macht der Feder will ich da nicht unterschätzen. 😀 Aber ein einfaches berichten sollte keine besonders manipulative Wirkung entfalten, zumindest keine, die die Entscheidung in die eine oder andere Richtung kippt.

        Reply
        1. diemitdemrotenlippenstift
          3 Jahren ago

          Gut zu wissen, dass du dich damit auskennst
          Ja eben das sehe ich auch so. Leider tut es das aber immer noch zu oft und das finde ich schade.

          Reply
          1. derhilden
            3 Jahren ago

            Auskennen ist zu viel gesagt, ich weiß auch nur grob, wo was steht. 😀 Aber eine gewisse Grundkenntnis von Gesetzen ist recht praktisch.

  3. Julie erklärt: Ironie - diemitdemrotenlippenstift
    2 Jahren ago

    […] zwar erinnern sich viele von euch sicher noch an meinen Beitrag „Was man sich lieber verkneifen sollte“. Tja, da habe ich über das böse S-Wort (nein, es geht mal wieder nicht um Sex, meine Mutter […]

    Reply

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