In Work & Study

Mein erstes Mal

Lieber Dr. Sommer… Ich hatte vor ein paar Wochen mein erstes Mal. Seitdem bin ich regelrecht süchtig danach. Was kann ich tun? Julie (20) – „Liebe Julie, das ist anfangs total normal. Es ist alles neu und aufregend. Genieße einfach das schöne Gefühl und hau weiter Artikel raus. Dein Dr. Sommer-Team“

Enttäuscht? Tja, sorry, aber ich schreibe natürlich nicht über Sex. Was denkt ihr denn von mir? Meine Mutter liest hier mit! Nein, ich spreche vom aufregendsten Moment meiner gesamten Blitzkarriere, als ich zum ersten Mal in der Zeitung stand. Genauer gesagt, stand mein Name in der Zeitung. Ganz klein und unscheinbar unter der (natürlich wie immer superkreativen) Überschrift – Interview: Julie mit dem roten Lippenstift. Klein, aber doch gut für jeden sichtbar. Dass das Interview selber eigentlich mein Kollege geführt hat und ich es nur gekürzt und lesbarer gemacht habe, wird nirgends erwähnt. Zum Glück nicht. Sähe ja auch bescheuert aus, wenn da stünde: „Das Interview führte Herr X, Frau mit dem roten Lippenstift kürzte und bearbeitete es, Herr X verbesserte die Anfängerfehler der Frau mit dem roten Lippenstift und lieferte ihr aufgrund ihres Inspirationsmangels noch eine passende Überschrift.“ So lief es nämlich in etwa ab, nur noch viel komplizierter. Bevor ich meine ersten Erfahrungen im Journalismus machte, dachte ich auch, dass man nur etwas schreiben und eventuell nochmal drüberlesen muss und es dann einfach wie durch ein Wunder in einem Magazin erscheint. Schon an meinem ersten Tag wurde ich allerdings eines Besseren belehrt.

Zwischen dem Magazininterview und dem Drucktermin gibt es nämlich immer noch ein ganz entscheidendes Hindernis: die Freigabe. Für alle, die es nicht wissen, Freigabe bedeutet, dass man das Interview nochmal an den Interviewpartner schickt, so wie man es schlussendlich drucken würde. Bei meinem ersten Mal war das auch gleich mein schwierigster Prozess, weil der Herr sich durch meine sprachlichen Änderungen komplett fehlrepräsentiert fühlte. Ich bekam dann auch sogleich die nette Antwort zurück:

„Sehr geehrte Frau mit dem roten Lippenstift,

Leider kann ich Ihnen diesen Artikel so unmöglich freigeben. Sie haben meine Aussagen zu radikal gekürzt und teilweise falsch zusammengefasst, sodass das alles einen komplett anderen Sinn ergibt.

Beste Grüße“

Das war an meinem zweiten Tag in der Redaktion. Selbstverständlich bekam ich erst mal eine Panikattacke. Ich leitete die Mail an meinen Kollegen weiter, obwohl ich mich auch einfach hätte umdrehen können, aber ich war noch nicht fähig zu sprechen. Zu tief saß der Schreck über die dramatische Nachricht. Okay, das ist etwas überdramatisiert. Was nicht heißen soll, dass mein Ego nicht ein wenig angeknackst war.

„Hey, das ist gar kein Problem. Schau einfach, wo du noch was ändern kannst, sodass es mehr nach ihm klingt, als nach dir, dann lass mich nochmal drüber schauen und dann schickst du’s ihm nochmal. Und eine andere Überschrift wäre nicht schlecht“, meinte mein Kollege nur. Okay, das klang machbar. Bis auf das mit der Überschrift. Die löste an meinem zweiten Tag nämlich wirklich noch eine mittelschwere Panikattacke aus, auf die eine ganze Stunde Denkarbeit folgte – und das für vier Wörter. Die mir in diesem Fall, wie bereits erwähnt, mein Kollege abnahm. Das war zu viel für meinen zweiten Tag. Ich würde zwar behaupten, dass ich schnell lerne und auch flott arbeiten kann, aber irgendwo habe auch ich meine Grenzen.

Ich klemmte mich also nochmal dahinter, nahm so viel wie möglich aus dem Originaltext mit rein, schickte es meinem Kollegen, der nochmal mehr Originalzitate mit rein nahm, und schließlich war der gute Herr auch zufrieden. Puh. Mir fiel eine ganze Steinlawine vom Herzen, als dieser Text endlich freigegeben war.

Leider war das nicht das letzte Problem, das wir in diesem Fall haben sollten. Das nächste stellte nämlich das Foto dar, das unser Fotograf von dem Herrn geschossen hatte – das Foto selber war brillant, der Hintergrund genial, aber das Motiv… sagen wir mal, es wirkte etwas verschlossen. Genauer gesagt, wirkten seine Augen verschlossen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Abgesehen davon, dass er ein Gesicht zog, als hätte er in eine Zitrone gebissen, während er versuchte, einen Furz zu unterdrücken. Als das Ansichts-PDF da war, saßen, bzw. standen wir zu viert davor und diskutierten, ob man das so drucken könne, oder ob uns der Herr daraufhin verklagen würde. Beziehungsweise war die Diskussion, ob und wie wir ihn um sein Einverständnis mit dem Foto fragen konnten, ohne dabei die Arbeit unseres Fotografen zu degradieren. Die Debatte ging so weit, dass wir schließlich den Fotografen in die Redaktion holten.

„Haben wir auch ein Foto von dem, auf dem er die Augen offen hat?“, wollten wir von ihm wissen.

„Da hat er die Augen offen. Weiter geöffnet hatte er die nie. Glaubt mir, der sieht wirklich so aus“, sagte unser Fotograf. „Ich meine, ich kann das noch ein wenig bearbeiten, aber Photoshop kann dem Kerl die Augen auch nicht öffnen.“

Mein Kollege hatte dann die glorreiche Idee, einfach das ganze PDF nochmal zur Freigabe zu schicken, ohne explizit auf das Foto einzugehen. Taten wir auch. Natürlich war die Antwort: „Sehr geehrte Frau mit dem roten Lippenstift, der Text ist in Ordnung, aber haben Sie auch ein Foto, auf dem ich die Augen offen habe?“

Ihr seht also, mein erstes Mal war alles andere als entspannt. Natürlich kommt da auch viel auf den Partner und die Übung an. Die nächsten Male liefen nämlich alle um einiges lockerer ab – ich klopfe mal auf Holz, dass das auch so bleibt. Aber auch, wenn das erste Mal anfangs ein Krampf war, umso mehr hat es sich schlussendlich gelohnt, als ich dann endlich meinen eigenen Namen in einem richtigen, druckfrischen Magazin gesehen habe. Meine Kollegen behaupten, die erste Euphorie gehe schnell vorbei und irgendwann wird es nichts Besonderes mehr sein. Ich allerdings kann mir das noch bei Weitem nicht vorstellen. Gerade gestern hielt ich die neue Ausgabe eines anderen Magazins in den Händen, in der mein Name sogar zwei Mal erwähnt wird, und was soll ich sagen? Es fühlt sich noch immer an wie das erste Mal.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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8 Comments

  1. derhilden
    3 Jahren ago

    Bei der Beschreibung des Herrn hast du mir ein lautes Lachen entlockt. 😀
    Ich kann mir sowas vons vorstellen, wie in etwa du dich gefühlt hast. Das stelle ich mir auch echt genial vor, den eigenen Namen in einer Zeitung zu lesen. Nicht ganz so überwältigend wie ihn auf einem Buch zu lesen, aber immer noch ein Grund zu riesiger Freude.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Das freut mich sehr 😀
      Ja, auf einem Buch muss es noch besser sein, aber man fängt ja klein an 😉

      Reply
      1. derhilden
        3 Jahren ago

        Definitiv. Du scheinst auf jeden Fall auf einem guten Weg zu sein. 🙂

        Reply
  2. Mitzi Irsaj
    3 Jahren ago

    Dein Text hat mich vom Samstäglichen Aufräumen abgehalten – vielen Dank dafür 😉

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Dann bin ich jetzt schuld, wenn deine Wohnung dreckig ist 😉 danke 😀

      Reply
      1. Mitzi Irsaj
        3 Jahren ago

        Einer muss ja schuld sein ;).
        Aber ich habe aufgeholt und es ist nicht mehr nötig.

        Reply
  3. Wenn der Job am Ego kratzt - diemitdemrotenlippenstift
    2 Jahren ago

    […] unter meinen Texten auch ganz offiziell mein Name stand. Das Gefühl, das es in mir ausgelöst hat, zum ersten Mal meinen Namen in einer Zeitschrift zu lesen, habe ich euch ja schon einmal zu beschreiben versucht, obwohl man es nicht wirklich in Worte […]

    Reply
  4. Meine Geheimwaffe gegen Blockaden - diemitdemrotenlippenstift
    2 Jahren ago

    […] weihe euch heute in eines meiner privatesten Geheimnisse ein. Noch privater als mein erstes Mal – ist ja auch viel peinlicher. Um genau zu sein, ist mein Geheimnis so peinlich, dass ich schon […]

    Reply

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