In Personal

Meine Geheimwaffe gegen Blockaden

Ich weihe euch heute in eines meiner privatesten Geheimnisse ein. Noch privater als mein erstes Mal – ist ja auch viel peinlicher. Um genau zu sein, ist mein Geheimnis so peinlich, dass ich schon jetzt, während ich diese Zeilen tippe, um meine Leser fürchte. Warum ich es euch trotzdem erzähle? Naja, weil mir dieses Geheimnis dabei hilft, Schreibblockaden zu überwinden. Außerdem sollt ihr wissen, dass ich auch nur ein Mensch mit Fehlern bin.

Eins nehme ich gleich mal vorweg. Als ich meiner besten Freundin vor einigen Wochen triumphierend über WhatsApp prophezeite, ich hätte DAS Rezept gegen Schreibblockaden gefunden und es ihr dann offenbarte, war ihre Antwort: „Ach, und ich dachte schon, jetzt käme was Sinnvolles.“ Ich sah es richtig vor mir, wie sie die Augen verdrehte und dann doch grinsen musste.

Ich mach es kurz und schmerzlos. Mein Geheimnis ist: Tokio Hotel. Leider muss ich gleich vorweg sämtliche Hoffnungen zerstören, dass ich mich einfach in einem Hotel in Tokio einmiete, um zu schreiben. Mache ich nicht. Wäre auch viel zu umständlich. Bis ich in Tokio bin, ist die Blockade schon von selbst wieder weg. Nein, ich rede tatsächlich von der Band, die in ihren Anfangsjahren bei den Mädels Kehlkopfentzündungen und bei den Jungs akuten Brechreiz ausgelöst hat. Ließe man den biologischen Aspekt außer Acht, war ich wohl zu dieser Zeit männlich. Tatsache ist nämlich, dass ich die Band zu Beginn gehasst habe. Und mit gehasst meine ich nicht, dass ich ihre Musik einfach nicht mochte. Die Wirklichkeit war viel komplexer. Es war eher mehr so: Hätte man mir damals in ihrer Nähe eine Mistgabel in die Hand gedrückt, ich hätte sie damit gejagt, bis ich einen von ihnen aufgespießt hätte – vorzugsweise Bill, damit er nicht mehr singen kann. Die anderen Leute in einer Band bemerkt man eh nicht.

Woher dieser Hass kam? Ich weiß es nicht. Die einzige logische Rechtfertigung, die mir dafür einfällt, ist mein damaliges zartes Alter von zehn Jahren. Da weiß man noch nicht, was man tut. Was ich allerdings weiß, ist, wie der Hass fast von einer Sekunde auf die andere verschwand. Und zwar saßen Bill und Tom in der Jury einer bekannten deutschen Castingshow. Deutschland sucht den Superstar hieß die damals noch. Mittlerweile sucht man dort eher nach Supermodels.

Jedenfalls waren mir die beiden dort richtig sympathisch. Also so richtig, richtig sympathisch. Anfangs wollte ich es nicht wahrhaben. Ich meine, kommt schon, die beiden waren von Tokio Hotel. Damit waren sie quasi der Feind meines zehnjährigen Ichs. Doch spätestens nach dem zweiten Casting wurde mein zehnjähriges Ich erwachsen – ich war plötzlich kein Kind mehr, ich war ein Kreisch-Teenie. Ich weiß noch, wie ich damals meinen Freund gezwungen hatte, mit mir DSDS anzuschauen, und ich alle zwei Minuten Sätze wie „Bill ist so hübsch heute!“ oder „Tom ist der coolste Typ auf diesem Planeten“ von mir gab. Ich glaube, ich muss nicht extra betonen, dass der junge Herr und ich kurz darauf nicht mehr zusammen waren. Was ich daraus für die Zukunft gelernt habe: Mit dem Satz „Ach übrigens, ich liebe Tokio Hotel“ kann man ein langweiliges Date und sogar eine fade Beziehung blitzschnell abbrechen.

Ich tauschte also Beziehung gegen Fanliebe. Ein guter Tausch, wie ich nach wie vor finde. Die Zeit, in der ich mich intensiv mit Tokio Hotel beschäftigte, ließ meine Produktivität exponentiell wachsen, bis sie schließlich unendliche Ausmaße annahm. Meine Freundin inspirierte mich sogar unabsichtlich zu einer Kurzgeschichte – das Baby hat heute genau 200 Seiten (wer ganz viel Langeweile hat, kann sie sich hier zu Gemüte führen). Ich sage ja, meine Produktivität war nicht zu stoppen. Sobald ich Tokio Hotel auf den Ohren hatte, ging es auf. Ich saß vor dem Laptop und die Worte flossen nur so aus mir heraus.

Dann kam die große Schreibblockade. Diese Blockade war vergleichbar mit einer weltweiten Wirtschaftskrise. Nichts ging mehr. Ich hatte das Schreiben verlernt. Ich ließ leider zu, dass die Schreibpause über ein Jahr anhielt. Über ein Jahr, in dem ich nichts zu Papier gebracht hatte. Was für eine Verschwendung kostbarer Lebenszeit.

Irgendwann las ich meine Fanfiktion wieder mal durch, lachte mir an einigen Stellen den Arsch ab und dachte mir gleichzeitig: „Ach du scheiße, bist du genial!“ Ja, ich weiß, Einbildung ist auch eine Bildung (ich bin aber fest davon überzeugt, dass jeder Autor sich hin und wieder für seine eigenen literarischen Ergüsse feiert). Was ich zu der Zeit anders gemacht hatte, lag in Anbetracht des Themas ganz klar auf der Hand: Ich hatte damals bis zum Abwinken Tokio Hotel gehört. Klug wie ich zu sein glaube, zog ich die richtigen Schlüsse, schnappte mir meine Beats, suchte auf YouTube ein Video von Tokio Hotel und öffnete ein Word-Dokument. Siehe da, es klappte. Ich schrieb. Ich fühlte mich, wie Albert Einstein sich gefühlt haben musste, als er seine berühmte Relativitätstheorie entdeckt hatte – auch bei mir verstand kein Schwein, was genau da bei mir abging, aber es funktionierte. Ich hatte mein Lebenselixier wieder gefunden. Und das dank Bill und Tom.

Deshalb hat bei mir heute auch niemand einen guten Stand, der meine Lieblingszwillinge beleidigt. Ich glaube ich muss nicht dazu sagen, dass mein Freundeskreis nicht gerade der Äquator ist. Aber: Wer sich mit mir abgibt, obwohl er meine Liebe zu Tokio Hotel kennt, der mag mich wirklich.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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Posted on 1. Oktober 2018

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22 Comments

  1. agirlagainstreality
    3 Jahren ago

    Hach Julchen, ich persönlich finde deine Fanliebe ja toll. Kann mich ja, wie du weißt, auch damit identifizieren hust Cedric hust. ? toller Beitrag. *♡

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    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Hahaha Robert Pattinson war so viel besser bevor er sich mit glitzer bestäubte ? Danke ❤

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      1. agirlagainstreality
        3 Jahren ago

        Halleluja, ja das war er.??

        Reply
  2. derhilden
    3 Jahren ago

    Ok. Wie ich meinen zynischen Verstand so kenne, hat der schon einige sehr unpassende Bemerkungen zu deinem Patentrezeot gegen Schreibblockaden parat, aber die verbanne ich jetzt ganz weit weg, weil ich hier gerne weiterhin gefahrlos mitlesen will. 😀

    Aber auch das kann ich in gewisser Weise nachvollziehen. Wenn ich Kollegah höre, kann ich auch viel besser schreiben, seine übermenschliche Eloquenz beflügelt mich jedes Mal, da auch annähernd ranzukommen. Und auch für dieses Fansein konnte ich mir schon einiges anhören. Ja, ich bin ein Kolle-Fanboy und stolz darauf. Insofern löst du bei mir keinen Schockzustand damit aus.

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    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Haha ich hab mal gehört wenn ein Schreiber sein Wundermittel gefunden hat, soll man nichts dagegen sagen 😉
      Den hört mein Opa auch gerne (und mein Opa hat wirklich Ahnung von Musik :D) also wird der wohl gut sein 😀

      Reply
      1. derhilden
        3 Jahren ago

        Dein Opa hört Kollegah? Wie awesome ist das denn bitte?
        Jetzt weiß ich, woher du dein schreiberisches Talent geerbt hast. Die Macht ist stark in deiner Familie. 😀

        Reply
        1. diemitdemrotenlippenstift
          3 Jahren ago

          Ach er ist kein Schreiber, er ist Dirigent 😉 und sehr weltoffen 😀

          Reply
          1. derhilden
            3 Jahren ago

            Respekt, ds ist mal stark. 😀 Diese Information ist der offizielle „Moment des Tages“!

  3. FashionqueensDiary
    3 Jahren ago

    😀 Ich bin jetzt nicht wirklich Fan von Tokio Hotel (eher im Gegenteil^^) aber ich finde es cool, dass du dein Patent-Rezept gegen Schreibblockaden gefunden hast 😀 Gute Musik hilft meiner Meinung nach ohnehin bei vielem!
    LG

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Ich finde auch dass Musik vielerlei Blockaden lösen kann 🙂

      Reply
  4. Ina
    3 Jahren ago

    Ich hab dich auch mit diesem oder trotz dieses Musikgeschmack(s) ? lieb!!!!!! ? Mama

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      ???

      Reply
  5. jackyswelt
    3 Jahren ago

    Ich kenne das mit dem unerklärlichen Hass für Tokio Hotel auch. Damals war meine beste Freundin eine dieser total schlimmen, kreischenden Tokio-Hotel-Fans und ihr ganzes Zimmer war tapeziert von Bill-Postern. Und das musste ich dann ständig über mich ergehen lassen, wenn ich bei ihr zu Besuch war (was nicht gerade selten war). Und dann irgendwann ist der Hass auch verschwunden und ich habe mir ein paar Texte genauer angehört und siehe da. So scheiße sind sie gar nicht. Dennoch kann ich diese „Bill-ich-will-ein-Kind-von- dir“-Schreierinnen bis heute nicht verstehen. 😀

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Das müssen meine Freunde jetzt auch ertragen, zumindest wenn sie mit mir im Auto fahren 😀
      Ja sobald man mal auf die Texte achtet findet man sie meistens nicht mehr schlimm 😀
      Und das würd ich jetzt auch nicht gerade schreien, aber ich Find den schon hübsch 😉

      Reply
      1. jackyswelt
        3 Jahren ago

        Ich finds krass wie die beiden sich optisch wo verändert haben, und ein hübsches Gesicht hat er auch, muss ich wirklich sagen!

        Reply
  6. aennloves
    3 Jahren ago

    Haha super Beitrag wirklich toll 😀 🙂
    https://aennloves.wordpress.com/

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Danke ?

      Reply
  7. felisimwunderland
    2 Jahren ago

    Ich bin zwar kein Fan von Tokio Hotel und werds auch ganz sicher nicht werden (die sind mit meinem Musikgeschmack einfach nicht kompartibel), aber Menschen, die zu ihren „peinlichen“* Vorlieben stehen, sind mir von Grund auf sympathisch 🙂

    *ist nicht böse gemeint, Geschmäcker sind bekanntlich verschieden und einen „Bill“ im Keller hat auch jeder normaler Mensch 😉

    Reply
  8. Die Entropie des Schreibens - 7 Tipps für einen guten Schreibfluss
    2 Jahren ago

    […] gehemmt und kann sich nicht mehr so ausbreiten, wie sie es gemäß ihres Naturells gerne würde. Außer bei Tokio Hotel, da […]

    Reply
  9. Die gefürchtete Schreibblockade - diemitdemrotenlippenstift
    2 Jahren ago

    […] tippe, möchte ich mir selbst am liebsten die flache Hand auf die Stirn schlagen, weil ich meine Geheimwaffe vergessen habe. Gut, jetzt dröhnt immerhin Schrei von Tokio Hotel aus dem Lautsprecher. Sofort […]

    Reply
  10. valarauco
    10 Monaten ago

    Hey Julie,

    eigentlich bin ich durch einen ganz anderen Artikel heute hier vorbei gestolpert, als ich dann den Link hier zu gefunden habe, musste ich diesen Artikel einfach Lesen.
    Ich bin selbst „großer“ Tokio Hotel-Fan (tatsächlich auch seit fast anfang an) und kann dir was die Kreativität angeht nur zustimmen. Ihre Musik hat etwas ansich, das meine Kreativität fördert und zum sprudeln bringt. Ich finde es wahnsinnig cool, dass ich damit nicht alleine bin und es dir genau so geht ^^

    Liebe Grüße,
    Marion

    Reply
    1. Julie
      10 Monaten ago

      Hey Marion,
      Danke für deinen lieben Kommentar! Es freut mich total, dass es auch Menschen gibt, die mich für meine Tokio Hotel Liebe nicht verurteilen, sondern sie verstehen ;D Gerade die alten Lieder schaffen es immer wieder, meine Kreativität zu wecken. Ich weiß auch nicht, woran es liegt 😀

      LG Julie

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