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Muss man sich selbst lieben?

In den sozialen Netzwerken geistern seit geraumer Zeit zwei Trends herum, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite wird nach Perfektion gestrebt, jeder will den flachsten Bauch, die straffsten Oberschenkel und das hübscheste Gesicht. Und dann gibt es ein zweites Lager, welches sich nicht selten aus dem der Perfektionisten entwickelt: die Verfechter der Selbstliebe. Sich selbst lieben ist zu einer neuen Religion geworden.

Sie beide, sowohl die Selbst-Optimierer als auch die, die für bedingungslose Selbstliebe plädieren, halten ihren Weg in Bildern und emotionalen, motivierenden Texten fest. Doch während die Selbst-Optimierer tägliche oder zumindest wöchentliche Updates zu ihrer aktuellen Form inklusive Maßen, Gewicht und Fotobeweis liefern, zeigen sich die Verfechter der Selbstliebe gerne so, wie sie sind, mit all ihren Fehlern und Makeln – oder den Dingen, die von der Gesellschaft als solche empfunden werden. Dehnungsstreifen, Cellulite, ein kleines Bäuchlein – all diese Dinge, die wohl niemandem zur Gänze fremd sind, werden mehr oder weniger ästhetisch in Szene gesetzt mit dem Ziel, andere dazu zu motivieren, sich selbst zu lieben, so wie man ist. Aber muss man sich selbst lieben?

Ich finde es generell sehr gut, dass sich immer mehr Menschen trauen, nicht nach dem von der Gesellschaft propagierten Idealbild zu streben, das viele von uns sowieso nicht erreichen können, weil nun mal Genetik eine nicht unwesentliche Rolle bei dieser Sache spielt. Es ist eine gute Sache, sich Menschen zum Vorbild zu nehmen, die zu sich selbst mit all ihren Makeln stehen – doch mir fehlen die Graustufen, ich sehe viel schwarz und weiß und kaum etwas dazwischen.

Du musst dich selbst lieben, sonst kannst du nicht glücklich sein! Zumindest propagieren das immer mehr Influencer und Zeitschriften. Aber muss man das wirklich? Klar, es ist super, mit sich selbst im Reinen zu sein. Aber muss man sein eigenes Spiegelbild wirklich jeden Tag nach seiner Nummer fragen wollen? Wir haben doch alle solche Tage, an denen wir uns super fühlen und denken, dass die Welt nur darauf wartet, von uns erobert zu werden. Diese Tage, an denen wir uns schick anziehen, hübsch schminken und so aussehen, dass wir uns selbst gar keine Wahl lassen, als uns am liebsten selbst zu einem romantischen Date einladen zu wollen.

Aber seien wir mal ehrlich: Kein Mensch fühlt sich immer so. Als Ausgleich braucht es eben auch diese Tage, an denen man ungeschminkt, mit fettigen Haaren und unrasierten Beinen im Bett liegt und sich nicht vorstellen kann, jemals wieder eine Hose anzuziehen. Wer stellt sich wirklich an einem solchen Tag vor den Spiegel und sagt voller Überzeugung: „Ich liebe mich!“? Ich bewundere jeden, der das von sich behaupten kann. Ich kann es nicht.

Ob ich mich selbst liebe? Keine Ahnung. Mal ja, öfter nein. Es ist, wie so vieles, abhängig von meiner Tagesverfassung. Im Allgemeinen muss ich aber zugeben, dass ich zu mir selbst keine große Liebesbeziehung führe. Und das muss gar nicht sein. Man muss nicht jeden Tag in den Spiegel schauen und sagen: „Du bist die geilste Sau der Welt und ich liebe dich mit all deinen Problemzonen!“

Warum sollte es nicht reichen, sich selbst einfach nur zu akzeptieren?

Viele Menschen sind kritisch mit sich selbst und gehen auch teilweise sehr hart mit sich ins Gericht. Und ich glaube, dass jeder mindestens drei Dinge nennen kann, die er an sich selbst nicht mag. Ich zum Beispiel werde nie in der Lage sein, zu sagen, dass ich meine Beine liebe. Meine Beine sind einfach meine Problemzone Nummer eins und das werden sie immer sein. Körperbau und Genetik lassen grüßen. Lange habe ich mich wegen meiner Beine fertiggemacht, habe Sport getrieben bis zum Umfallen und penibel auf mein Essverhalten geachtet – bis mir sogar ein plastischer Chirurg gesagt hat: „Die einzige Möglichkeit für Sie, Beine wie Heidi Klum zu bekommen, ist, Ihnen Ihre Beine abzunehmen und die von Heidi Klum zu transplantieren.“

Mir blieben also zwei Möglichkeiten: Mich mein Leben lang wegen einer Sache unglücklich machen, die ich nicht ändern kann, oder es hinzunehmen. Ich habe mich für zweiteres entschieden. Es war ein langer, steiniger Weg, aber mittlerweile kann ich meinen Körper als das akzeptieren, was er ist: da. Er ist wie ein Familienauto: Es tut, was es soll, funktioniert zuverlässig und erlaubt sich nur selten mal Ausfälle, aber wenn man könnte, würde man es insgeheim sofort gegen einen Maserati tauschen.

Selbstliebe, oder besser Selbstakzeptanz muss nicht zwangsläufig auf Äußerlichkeiten bezogen sein. Vor allem verliebt man sich doch in den Charakter, oder? Auch hier beantworte ich die Frage, ob ich mich selbst liebe, mit Nein. Ich bin lange nicht der Mensch, der ich sein will. Zum Beispiel wäre ich gerne stärker, weniger selbstkritisch und hätte gerne mehr Durchsetzungsvermögen. Ich habe viele Tage, an denen ich meine ganze Existenz anzweifle, an denen ich mir Gedanken um meinen Verstand mache und am liebsten jemand anders wäre. Doch wie sagte Philip Rosenthal so schön?

Wer aufhört, besser werden zu wollen, hört auf, gut zu sein.

Man muss nicht jedes Detail an sich lieben – dieses Wort wird sowieso viel zu inflationär benutzt. Wieso sollte es nicht ausreichen, zu lernen, mit diesen Dingen zu leben? Krampfhaft zu versuchen, sich selbst zu lieben, und daran zu scheitern, frustriert viel mehr, als sich eine gesunde Scheiß-drauf-Haltung anzueignen. Die ist leichter zu erlangen und leichter zu behalten. Wenn sich daraus dann Liebe entwickelt, wunderbar! Aber mit der Liebe ist es wie mit einem Furz – wenn man’s erzwingen muss, ist es wahrscheinlich scheiße.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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3 Comments

  1. Wortopolis
    4 Monaten ago

    „Mein Körper ist ein Famlienauto“??!! Großartig!!! Ich habe mich sehr über deine (trotz roten Lippenstiftes) erfrischend ‚ungeschminkten‘ Aussagen gefreut und stimme dir in allen Punkten aus vollem Herzen zu. Diese ‚Liebe-dich-selbst-Hypes‘ wirken auf mich ebenso befremdlich wie die ‚Selbstoptimierungs-Mantras‘, was ich regelmäßig feststellen kann, wenn ich mal wieder eine dieser Freundschaftsanfragen auf FB mit Body-Challenges und Vorher-Nachher-Fotos bekomme. Wow, ist das strange … In diesem Sinne: Es leben die Graustufen!
    Herzliche Grüße,
    Britta

    Reply
    1. Julie
      3 Monaten ago

      Hihihi danke!! Ich freue mich total, dass dir meine Beiträge gefallen!
      Hoffentlich kann ich dich auch weiterhin begeistern 🙂

      Ganz liebe Grüße,
      Julie

      Reply
  2. Herzensthemen | April – ♥ herzdeinbuch ♥
    2 Monaten ago

    […] Julie | Die mit dem roten Lippenstift Muss man sich selbst lieben? […]

    Reply

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