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Fuck, mein Nachbar!

Es ist gerade mal halb neun Uhr morgens, ich bin seit eineinhalb Stunden wach, obwohl ich hätte ausschlafen können, weil pünktlich um sieben Uhr der Glascontainer geleert wird und die Bauarbeiter unter meinem Fenster den Presslufthammer auspacken, nur um dann um acht die erste Leberkässemmelpause zu machen. Willkommen in Wien Leopoldstadt!

Naja, wenn ich schon mal wach bin, kann ich auch gleich einkaufen gehen. Um die Zeit sind zumindest nur Pensionisten am Weg und der Rest der Bevölkerung arbeitet. Oder pennt, weil er keine Baustelle unter seinem Fenster hat. Jedenfalls lautet meine Gleichung: Morgen + Hofer = Ruhe.

Ich betrete den Supermarkt meines Vertrauens und erwartungsgemäß ist auch alles ruhig. Gut, eine Palette mit Brokkoli steht mitten im Gang, weil sich um die Zeit eh niemand dran stört, aber damit kann ich leben. Ich lade also friedlich meinen Einkaufskorb voll und will mich gerade daran machen, die Wassermelonen abzuklopfen und auf den richtigen Klang zu inspizieren, da sehe ich ein Gesicht, das mir irgendwie bekannt vorkommt, das ich aber nicht auf Anhieb zuordnen kann. Es kommt immer näher und es macht mich nervös.

Woher kenne ich den Typen? Woher? Mein Postler ist es nicht. Das ist schon mal ein Grund zum Durchatmen. Mein Amazon-Bote auch nicht, dafür ist er zu blond. Der Kassierer vom Billa ist es auch nicht, der würde wahrscheinlich nicht beim Hofer einkaufen. Oder doch? Oder ist es irgendein Busfahrer? Ein Studienkollege? Okay, guter Witz, ich kenne nicht mal irgendjemanden aus meinem Studium.

Plötzlich fällt es mir ein und ich lasse vor Schreck fast die Wassermelone fallen. Fuck! Mein Nachbar! Und zwar nicht der fesche. Oder das deppate Pärchen aus der Wohnung unter mir, das im Winter jede Nacht so laut gefickt hat, dass ich danach eine Zigarette brauchte, obwohl ich nicht mal aktiv daran beteiligt war. Letztere könnte ich hoch erhobenen Hauptes ignorieren. Demonstrativ würde ich sie ignorieren. Ich würde ihnen sogar mit voller Absicht mit dem Einkaufswagen über die Füße fahren und dann ganz dreist behaupten, ich hätte sie nicht gesehen. Aber es ist leider der eigentlich ganz nette Nachbar, der mir immer meine Pakete annimmt. Zu dem kann ich einfach nicht asi sein.

Ich beschließe, mir meine Melone später zu holen und mich stattdessen erst um das Brot zu kümmern. Hmm, vitales Eiweißweckerl oder uriger Knusperlaib? Ich nehme eine Denkerpose ein und denke so lange über diese Entscheidung nach, bis ich mir sicher bin, dass mein Nachbar aus rein rechnerischen Gründen die Obstabteilung hinter sich gelassen haben müsste. Ich schnappe mir mein Brot und will gerade wieder zurück zum Obst, das ich vorhin so sträflich vernachlässigt habe, und ducke mich dann doch hinter die Brokkolipalette, als ich sehe, dass er immer noch bei den Marillen steht. Vorsichtshalber setze ich meine verspiegelte Sonnenbrille auf, damit ich zumindest so tun kann, als hätte ich an ihm vorbei geschaut.

Jetzt könnte man sich natürlich fragen, warum ich nicht einfach Hallo sage. Könnte es aber auch lassen. Nein, ich denke, wir sind uns alle einig, dass man im Supermarkt keinen Smalltalk anfangen sollte. Schon allein aus Höflichkeitsgründen den anderen Einkaufenden gegenüber. Wer im Supermarkt Smalltalk führt, steht immer irgendwie blöd vor einem Regal und blockiert den Weg, deshalb ist für diese Menschen ein eigener Platz in der Hölle reserviert. Abgesehen davon wüsste ich auch gar nicht, worüber ich mit meinem Nachbarn reden sollte. Und wenn man nur Hallo sagt und sich später beim Tiefkühlgemüse wieder trifft, ist es auch komisch, sich dann wieder irgendwie zuzunicken oder – noch schlimmer – krampfhaft irgendwas Seltsames wie „Findest du die wiederverschließbaren Beutel von diesem Blattspinat hier auch so praktisch?“ zu sagen. Da gehe ich lieber den Weg des Ignorierens.

Ich beobachte jeden seiner Schritte genau, biege schließlich in die Regalreihe ein, die er bisher außer Acht gelassen hat, und will schnellen Schrittes zur Kasse gehen, da taucht er am anderen Ende der Regalreihe wieder auf. Ruckartig bleibe ich stehen, drehe mich zur Seite und tue so, als wären Trockenpflaumen das Spannendste der Welt. Ich ziehe mein Handy raus und mache eine Instastory darüber mit dem Text: „Wenn du deinem Nachbarn im Supermarkt begegnest und so tust, als würdest du dich für Trockenpflaumen interessieren.“

Scheiße, er steht immer noch neben mir. Ich bin versucht, meine Oma anzurufen. Die würde sich sicher freuen.

„Hi Oma, ich bin gerade im Hofer und da warst du schließlich auch mal, deshalb habe ich gerade an dich gedacht und dachte mir, ich könnte mal wieder anrufen?“

Hmm. Überzeugt mich nicht.

„Hallo Mama, ich bin grad beim Hofer, soll ich dir Trockenpflaumen mitnehmen? Du weißt schon, weswegen?“

Auch seltsam.

Beschließe stattdessen, Trockenpflaumen zu googeln. Es gibt eine Website mit der Domain „kalifornischetrockenpflaumen.de“. Finde ich etwas sperrig, aber immerhin ist klar, worum es geht. Ich finde heraus, warum es einen immer so ausräumt, wenn man Trockenpflaumen gegessen hat: Es liegt am Sorbitol. 15 Gramm Sorbitol sind in 100 Gramm Trockenpflaumen enthalten. Die saugen Wasser auf, wodurch die natürliche Funktion des Darms unterstützt wird. Aha. Wieder was gelernt.

Ich wage einen vorsichtigen Seitenblick und sehe, dass mein Nachbar das Trockenobst hinter sich gelassen hat und der Weg zur Kasse frei ist. Puh. Ich laufe zur Kasse, bezahle und gehe draußen fröhlich – und besonders schnellen Schrittes – meines Weges.

Und fuck! Ich habe meine Wassermelone vergessen!

 

 

Das auf dem Bild ist übrigens nicht mein Nachbar. Das Bild ist von Benjamin Sow auf Unsplash

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