In Column

„Mach dich rar“ und andere Scheiß-Weisheiten

„Willst du was gelten, mach dich selten!“

Wie oft habe ich diesen Spruch vor allem in meiner ersten Beziehung gehört? Ich weiß es nicht. Was ich allerdings weiß, ist, dass ich jedem Einzelnen, der mir diesen Spruch gedrückt hat, damals am liebsten meine Faust gegen den Kopf geknallt hätte. Klar, da war durchaus ein bisschen Wut auf meine ziemlich beschissene erste Beziehung und auch auf mich selbst dabei, weil ich zu lange zugelassen habe, dass mich jemand scheiße behandelt. Aber auch heute, fast sieben Jahre später, hat sich meine Meinung zu diesem Spruch nicht geändert. Ich finde ihn nach wie vor kacke.

Ich kann das auch gerne begründen. Werde ich auch. Ich bin durchaus dafür, das Handy mal liegen zu lassen und nicht jedem Arsch sofort zu antworten, der etwas von mir will. Wenn mich unwichtige Menschen außerhalb meiner persönlichen Geschäftszeiten erreichen wollen, dann haben sie eben Pech gehabt und müssen bis zum nächsten Morgen warten, weil es mir gerade wichtiger ist, die Bachelorette zu schauen und dabei Martini Fiero mit Tonic zu trinken (auf einer Skala von 1-10 liegt meine Beeinflussbarkeit durch Product Placement übrigens bei 17).

Aber, man hat es vielleicht schon gemerkt: Die Betonung dabei liegt auf dem Wort „unwichtig“.

Genau diesen unwichtigen Menschen antwortet man nicht, wenn sie einem schreiben, ganz egal, was es ist. Würde mir eine ehemalige Klassenkameradin schreiben, sie stecke in Schwierigkeiten und es gehe um Leben und Tod, ich würde mir wahrscheinlich höchstens denken: „Alter, Anna, dir hält doch nur jemand eine Waffe an den Kopf, nerv mich nicht und regel deinen Scheiß allein!“

Aber wenn meine beste Freundin um vier Uhr morgens zum zwölften Mal mit mir erörtern will, warum sich ihr Freund von ihr getrennt hat, kann sie sich sicher sein, dass ich ganz Ohr bin. Weil sie mir wichtig ist.

Und sollte man nicht auch von seinem (zukünftigen) Partner erwarten können, dass man ihm wichtig ist? Vielleicht bin ich da etwas altmodisch, aber ich finde: Ja, definitiv.

Ich bin niemand, der seinem Freund oder seinen Freunden pausenlos am Arsch hängen muss. Keineswegs. Ich habe mit einer Klette ungefähr so viel gemeinsam wie Ryan Gosling mit Kerstin Ott. Ich brauche auch keinen durchgehenden Kontakt über Telefon, WhatsApp oder ähnliches. Will ich auch nicht. Genauso will ich mir aber auch keine Gedanken machen müssen, ob eine Nachricht schon zu viel des Guten ist und ob ich mich mit einem kleinen „Hey, wie war dein Tag?“ schon uninteressant mache. Ich will auch nicht darüber nachdenken, wer öfter zuerst geschrieben hat, damit die Bilanz ausgeglichen ist – weil solche Dinge komplett egal sein sollten.

Ich finde, wenn man vor jeder Nachricht darüber nachdenken muss, ob man sich damit ins Aus schießt oder zu viel von sich gibt oder ob es in Ordnung ist, dass man schon wieder derjenige ist, der das Gespräch beginnt, dann sollte man die Beziehung oder die Freundschaft überdenken, denn dann läuft etwas grundlegend falsch.

Früher habe ich mir oft eingeredet, jemand wolle es mir nur nicht zu einfach machen, wenn derjenige sich nie gemeldet oder selten geantwortet hat. Weil ich eben diese „Willst du was gelten, mach dich selten“-Mentalität eingetrichtert bekommen habe. So gut wie immer musste ich mir an irgendeinem Punkt eingestehen: Diese Person will sich nicht rar machen. Sie hat einfach kein Interesse an mir.

Mittlerweile habe ich diesbezüglich auch meine Lektionen gelernt. Wenn jemand meint, er müsse sich bei mir rar machen, um interessanter zu werden, erreicht er bei mir nur mehr das Gegenteil. Warum sollte ich mich für Menschen interessieren, die so offensichtlich kein Interesse an mir haben? Das ist verschwendete Energie. Genau wie das berühmte Rar-Machen selbst. Das fällt nur bei Personen leicht, mit denen man ohnehin keinen Kontakt will. Versuch mal, jemanden zu ignorieren, den du absolut umwerfend findest, und dich dabei gut zu fühlen. Es wird nicht klappen.

Mein Fazit: Beziehungen jeder Art sollten das Leben bereichern und einem kein zusätzliches Kopfzerbrechen bereiten. Wenn jemand nichts von dir wissen will, wird sich das auch nicht ändern, wenn du dich nie meldest – die Person wird höchstens froh darüber sein, sich nicht mit dir auseinandersetzen zu müssen. Und wenn dich jemand interessant findet, dann wird er das auch ohne diese kindischen Psycho-Spielchen tun, unabhängig davon, wer öfter ein Gespräch begonnen oder wer zuletzt geschrieben hat. Also lasst uns alle mal wieder ein bisschen netter zu den Menschen sein, die wir mögen, und uns bei ihnen melden, wann, wie und so oft wir wollen. Langfristig hat niemand Bock auf Rar-Macher.

 

Eure Julie,

die mit dem roten Lippenstift

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2 Comments

  1. Theresa
    3 Wochen ago

    Oh, man. So wahr. Ich stimme dir in jedem Punkt so zu. Wenn man jemanden mag, kann man das auch einfach zeigen. Das Leben ist schon kompliziert genug, da muss man nicht noch mehr Drama reinbringen mit solchen Spielchen.

    Liebe Grüße aus Berlin 🖤

    P.S.: Ich liebe deinen Schreibstil. Musste einige Mal sehr schmunzeln 🙂

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    1. Julie
      2 Wochen ago

      Danke liebe Theresa! Auch für das Kompliment zu meinem Schreibstil – hab mich total darüber gefreut!
      Ich sehe das genauso! Warum sich das Leben mit kindischen Spielchen komplizierter machen?
      Liebe Grüße aus Wien an dich und meine Herzensstadt 🖤

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