In Work & Study

Die Sache mit den Interviews

Wer an Journalisten denkt, hat meist sofort ein Bild von Menschen im Kopf, die andere mit forschen Fragen bombardieren und dabei fast mit ihren überdimensionalen Mikrofonen erschlagen. Da ich bisher weder beim Fernsehen, noch beim Radio tätig war, blieb mir diese Aufgabe zum Glück erspart. Was man aber auch im Print nicht umgehen kann, sind Interviews. Journalismus ist eben ein interaktiver Beruf, auch wenn man die meiste Zeit am Schreibtisch verbringt, und das ist auch gut so. Würde man keine Interviews führen, müsste man alle Infos händisch zusammensuchen und dann hätte das Artikelschreiben sehr viel mit einer Seminararbeit gemeinsam. Und wer schreibt schon gerne Seminararbeiten?

Die Sache ist natürlich die: Man arbeitet mit Menschen zusammen. Arbeit mit anderen Menschen birgt immer ein gewisses Risiko, denn selbst die geselligste Stimmungskanone kann nicht mit jedem. Manche Leute, mit denen man spricht, würde man am liebsten auch mal privat zum Kaffeetrinken treffen, bei anderen wischt man sich am Ende den Schweiß von der Stirn und ist einfach nur froh, dass es vorbei ist. Interviews sind wie Wundertüten, man weiß nie, was man bekommt. Entweder sind sie superinteressant, eine volle Katastrophe, oder irgendwas dazwischen – was meistens der Fall ist. In der Theorie ist es einfach, man muss ja nur Fragen stellen, der andere antwortet und man schreibt das alles brav mit. Im besten Fall passiert es auch genauso. Man setzt sich mit jemandem zusammen, leitet das Thema irgendwie ein und dann entsteht ein flüssiges Gespräch. Tja, leider ist das ähnlich, wie die Sache mit den lieben Infografiken, denn solche Interviews hatte ich bisher genau zwei Mal. Das ist ein relativ geringer Prozentsatz an perfekten Interviews, aber immerhin weiß ich, dass es sie gibt. Einmal war ich sogar zwei Stunden auf einem Dienstgang und wollte gar nicht mehr weg, weil wir uns so gut unterhalten und so viel gelacht haben. Solche Erlebnisse machen diesen Beruf so liebenswert.

Dann gibt es aber wieder solche Exemplare, die man partout nicht zum Reden kriegt. Hatte ich auch schon öfter, als mir lieb ist.

„Was hat Ihnen denn an der Kampagne besonders gut gefallen?“, fragte ich mal eine nette Dame am Telefon.

„Hmm, alles eigentlich“, war die Antwort.

„Und uneigentlich?“, versuchte ich, noch etwas zu retten.

„Auch.“

„Würden Sie es wieder machen?“

„Ja.“

Daraus und aus drei weiteren ähnlich schön ausformulierten Antworten sollte ich dann einen Text mit einer gewissen Längenvorgabe basteln. Leute, falls irgendjemand von euch mal die großartige Gelegenheit bekommt, ein Interview zu geben: Bitte denkt auch ein bisschen an die armen Schweine, die das verschriftlichen müssen und macht es nicht so wie oben beschrieben!

Ich glaube von mir selbst, dass ich nicht schlecht darin bin, andere Menschen zum Reden zu bringen. Bei manchen Exemplaren, wie den oben genannten, gerate allerdings auch ich an meine Grenzen. Bei solchen Leuten fragt man sich manchmal am Telefon, ob die vielleicht taubstumm geboren wurden und ob man lieber eine Mail schicken sollte. Kann man übrigens auch machen, das mit den Mails. Vielen Menschen ist das sogar lieber, entweder weil sie keine Zeit für ein Telefongespräch haben, oder weil sie telefonscheu sind. Oder eben taubstumm. Leider wird ein Interview dadurch nicht immer zwangsläufig vereinfacht. Manche Menschen sprechen nämlich nicht nur extrem einsilbig, sondern schreiben auch so. Wenn die Antwort kürzer ist als die Frage, kriegt man als derjenige, der daraus einen Text basteln soll, schon mal das Bedürfnis, demjenigen durch den Bildschirm eine reinzuhauen, oder einfach „Danke, du Arsch, du hast mir nicht geholfen“ zurückzuschreiben. Kann man aber natürlich nicht machen. Ein netter Herr hat mal eine Frage, die ich zu einem Absatz aus 500 Zeichen formulieren sollte, mit genau sechs Stichworten beantwortet. Ich hatte danach wirklich schöne zwei Stunden, in denen ich mein kreatives Improvisationspotenzial voll ausschöpfen konnte.

Es gibt aber auch die genauen Gegenteile. An so eins geriet ich bei meinem allerersten Interview. Dieser Dame habe ich zunächst eine sehr hübsch formulierte Anfrage geschickt, in der ich höflichst um Rückmeldung mit Terminvorschlag bat, den sie mir bitte im Laufe der nächsten Tage zukommen lassen solle. Als Antwort bekam ich zwanzig Minuten später original: „Hä? Davon weiß i nix, wos isn des für a Zeug?“

Ich hoffe, alle deutschen Mitleser haben verstanden, was sie mit diesem Meisterwerk sprachlicher Eloquenz ausdrücken wollte. Da ich ihre Nummer hatte, beschloss ich, meine Telefonscheue zu überwinden und sie einfach mal anzuklingeln und die Sache persönlich zu klären. So wurde mein erstes Interview auch gleich zu einer ganz netten Erfahrung. Es ging um das Thema Energetik. Ja, voll mein Geschmack. Nachdem ich anfangs noch dachte, dass das was mit Physik zu tun hat, war ich relativ beruhigt, als die Frau sich als Eso-Tante herausstellte.

„Ich habe gespürt, dass Sie mich anrufen werden“, sagte sie, nachdem ich mich vorgestellt hatte. „Worum geht es denn nun genau?“

Ich erklärte ihr, dass ich über ihren Esoterikladen schreiben soll und ab da war sie Feuer und Flamme.

„Ach, Sie haben eine junge Stimme, da kann ich ja gleich zum Du übergehen“, sagte sie fröhlich. „Sehr schön, sowas finde ich immer spannend, dann erzähle ich mal, was es damit so auf sich hat. Ich bin ja überzeugt davon, dass jeder Mensch gewisse Schwingungen spürt, die wir nur im Alltag nicht wahrnehmen, weil wir viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt sind…“

Es dauerte ungefähr fünf Minuten, bis sie mich auch mal wieder zu Wort kommen ließ. Solche Leute sind mir deutlich lieber als die einsilbigen, auch wenn mein linkes Handgelenk sie nach einer gewissen Zeit verflucht. Nein, nicht aus dem Grund, an den die Herren jetzt denken. (Und nein, Mama, ich werde nicht erläutern, was ich damit gemeint habe.)

„Was für ein Verhältnis haben Sie so zu Ihren Kunden?“, fragte ich. Bei so redefreudigen Menschen müssen die Fragen nicht die eloquentesten sein.

„Ach, ich liebe meine Kunden“, sagte sie sofort. „Ich mag das immer gerne, wenn Leute bei mir sind, mit denen trinke ich dann auch gerne mal eine Tasse Kaffee und dann ziehen wir zusammen eine Engelskarte…“

Sie redete noch eine gute Viertelstunde und meinte dann, ich könne ja auch mal auf ein Engelskärtchen vorbeikommen. Ob ich darauf zurückkommen werde, weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Nicht, dass mir die Engel für die Zukunft schlechte Interviewpartner prophezeien.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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5 Comments

  1. Mama, die du auch als Kind nicht gestört hast
    3 Jahren ago

    Mein Engelchen……

    Reply
  2. rommyscats
    3 Jahren ago

    Das mit der Einsilbigkeit kenne ich nur zu gut! Ich „interwieve“ als Physiotherapeutin meine Patienten bei unserer ersten Zusammenkunft auch, um dann mitunter auf die Frage „Welches Problem führt sie zu mir?“ die Antwort zu erhalten: „Schmerzen“. „Wo genau sitzen denn die Schmerzen?“ „Hier.“ (zeigt auf ein beliebiges Körperteil) „Seit wann haben Sie Ihre Beschwerden?“ „Weißichnichmehr.“ Jippie, ein Fall für die Hellseherin…

    PS. Auch ich besitze Engelkarten… 😉

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Ach ich hab immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich bei einem Arzt so antworten muss, auch wenn ich echt nicht weiß, wie lange ich Beschwerden hatte 😀 also ich gehöre leider auch zu der Fraktion 😀

      Reply
  3. rommyscats
    3 Jahren ago

    Hah, Buchstabendreher! Ich „interviewe“ natürlich… 🙂

    Reply
  4. Journalisten sind skrupellos? Klischees im Faktencheck
    2 Jahren ago

    […] Schreibtisch und vor der Kaffeemaschine, beziehungsweise in meinem Fall vor dem Wasserkocher. Viele Interviews führt man gar nicht persönlich, sondern telefonisch oder gar per Mail (ist allerdings um einiges […]

    Reply

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