In Work & Study

Wie ich meine Telefonphobie verlor

So. Der Moment der Wahrheit ist gekommen. Ich atme tief durch und presse die Augenlider aufeinander, bevor ich schließlich endlich die entscheidende Nummer wähle. Während ich das Piepen in der Leitung höre, hoffe ich insgeheim, dass niemand abhebt.

„Der Friseursalon Ihres Vertrauens, Maggie am Apparat, was kann ich für Sie tun?“, meldet sich eine Stimme, die ich eh schon hundertmal gehört habe.

„Hallo“, höre ich meine Stimme. Wobei… Eigentlich ist das nicht meine Stimme. Meine Stimme ist nie so piepsig. Wenn am anderen Ende der Leitung meine beste Freundin wäre, würde sie wahrscheinlich nicht mal checken, dass ich das bin. Sollte ich ihr jemals einen Telefonstreich spielen wollen, muss ich mir einfach nur vorstellen, sie sei jemand anders. So, und wie geht’s jetzt weiter? Ach ja, genau, vielleicht sollte ich meinen Namen sagen. Wie heiße ich nochmal? Ich habe mir doch vorhin einen Text zurechtgelegt. Leider habe ich die Begrüßung nicht eingeplant. Ich kenne immerhin meinen Namen. Eigentlich. „Ähm… Hier ist Julie. Die mit dem roten Lippenstift.“

Die Stimme ist mittlerweile wieder eine Oktave tiefer, was mich ungemein beruhigt. Nicht auszudenken, wenn ich auf ewig mit dieser Minnie-Maus-Stimme herumlaufen müsste. Da würde mich ja niemand mehr ernst nehmen. Nicht, dass ich abseits des Telefons so respekteinflößend wäre. Solange ich keinen Hunger habe, bin ich ziemlich harmlos. Trotz Septum aka Schlägerbrautpiercing.

„Was kann ich für dich tun?“, höre ich Maggies freundliche Stimme. Stimmt, da war ja noch was. Ich werfe einen Blick auf meinen hirninternen Spickzettel.

„Ich hätt gerne einen Termin bei Susi“, sage ich, atme tief durch und bin stolz auf meine Leistung.

Die traurige Wahrheit ist, dieses Szenario ist nicht mal so weit hergeholt. Bevor ich angefangen habe, zu arbeiten, musste ich mir jedes Mal, bevor ich beim Arzt oder eben beim Friseur anrief, überlegen, was ich zu sagen gedachte. Spontan irgendwo anrufen? Gab es nicht. Ich konnte höchstens meine Mutter und meine Oma telefonisch kontaktieren, ohne eine voll ausgearbeitete Strategie zu haben. Alles andere machte mich unheimlich nervös.

Im Journalismus ist so eine Eigenschaft natürlich eher… nennen wir es mal suboptimal. Ich weiß, ich habe in meinem letzten Beitrag meine heilige Durchwahl in den Himmel gelobt, aber als es dann darum ging, das Firmentelefon zum ersten Mal zu verwenden, hätte ich am liebsten meine Sachen genommen und gesagt: „So, das war’s, dafür bin ich nicht qualifiziert. Ich kündige – aber meine Signatur würde ich gerne behalten.“

Da das aber leider nicht ging und mir mein Stolz zu sehr im Weg stand, musste ich wohl oder übel ins kalte Wasser springen. Zugegebenermaßen habe ich mich vor dem ersten Anruf gedrückt, solange es ging, und habe mich mit E-Mails durchgeschlagen. Schließlich kann ich mittels meiner Signatur auch indirekt mit meiner Durchwahl angeben. Tja, das klappt so lange, bis man dringend etwas braucht. Und mit dringend meine ich: Wir haben eine Deadline. Die ist bald. Ruf ihn an!

Bevor ich meinen ersten Firmenanruf tätigte, musste ich mir ein paar Minuten Zeit nehmen, um mich mental darauf vorzubereiten. Telefonieren ist nämlich wie Eiskunstlauf. Es sieht bei anderen unglaublich einfach aus, aber sobald man es selber machen muss, fällt man schnell auf die Schnauze. Wir sind sieben Leute in der Redaktion und zufällig waren alle sieben genau in dem Moment anwesend, in dem ich meine Telefonpremiere feierte. Hätte ich also versagt, hätte ich sechs Zeugen gehabt. Das wollte ich mir auf jeden Fall ersparen. Ich tat also, was ich immer tat, nur griff ich zu drastischeren Maßnahmen: Ich nahm einen Zettel und einen Stift und schrieb mir eins zu eins auf, was ich zu sagen gedachte. Ja, ich bin eine junge Frau von zwanzig Jahren mit journalistischen Ambitionen und hatte trotzdem panische Angst vor meinem ersten Telefonat. Ich gebe es zu.

Das erste Telefonat war auch so ziemlich das schlimmste, das ich je geführt habe. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, meine Stimme klang noch höher als bei den halbjährlichen Anrufen beim Friseur und als ich den Hörer endlich wieder auf den Apparat knallte, hätte ich mir am liebsten eine Zigarette angezündet. Und einen Schnaps hinterher getrunken. Obwohl ich meinen Spickzettel hatte, hatte ich ein leichtes Blackout. Ich hatte nämlich mal wieder vergessen, mir Gedanken über die Begrüßung zu machen.

Doch beim Telefonieren gilt: Übung macht den Meister. Ich gebe es zu, das Telefonieren ist noch immer nicht mein Lieblingsteil bei der Arbeit und das ist auch gut so, sonst würde ich wahrscheinlich früher oder später darüber nachdenken, mich in einem Callcenter zu bewerben und so weit soll es nicht kommen. Weder jetzt, noch in einem anderen Leben. Nicht solange ich schreiben kann. Aber es wird von Mal zu Mal leichter. Vielleicht werde ich irgendwann sogar richtig gut darin sein – bei meinem Glück genau in dem Moment, in dem ich aufhöre, zu arbeiten. Aber immerhin kann ich mir dann ohne Spickzettel einen Friseurtermin ausmachen.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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13 Comments

  1. derhilden
    3 Jahren ago

    Das gibts ja nicht. Im Ernst, genauso ging es mir auch, bevor ich anfing, zu arbeiten. Jedes Mal hab ich mir in Gedanken Wort für Wort mein Telefonat zurechtgelegt, mehrere Antwortmöglichkeiten des Gegenübers berücksichtigt und dann kam doch was ganz anderes dabei raus und ich war froh, wenn ich einen kompletten Satz zustande bekommen hab. Mittlerweile hat sich das auch gebessert, aber angenehm werde ich das nie finden, ich bevorzuge die Schriftform.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Ich finde es immer wieder faszinierend, wie viele Menschen da genauso sind wie ich 😀

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  2. Madline
    3 Jahren ago

    Achjaaa das kenne ich nur allzu gut … Ich bin IT Dienstleisterin und sollte eigentlich ständig mit Kunden telefonieren könnte aber ich verfolge die Taktik: Alles per Mail klären was man klären kann. Telefonieren nur im Worst Case 😀 Du sprichst mir also aus der Seele und ich LIEBE deinen Schreibstil <3 Wenn du mal ein Buch schreibst sagt Bescheid, ich kaufe es! Übrigens schlimmer wie Friseur oder Arztanrufe finde ich Anrufe im Restaurant … Das ist immer so erniedrigend und ich komme mir so dämlich vor wenn ich das fünfte Mal laut in den Hörer spreche: SCHMIDT mit DT ja genau SCHMIDT … 😀 😀

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    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Hach ja, das Problem mit dem Nachnamen hab ich auch. Ich muss den IMMER buchstabieren und sage eh schon immer „mit weichem B und weichem D“, und krieg dann trotzdem in 9 von 10 Fällen „Mit hartem P war das?“ zurück 😀 In Österreich kennt man da leider keinen Unterschied. Komm mir dann auch schon immer so doof vor, aber ich bin froh, dass ich da nicht alleine bin 😀

      Reply
  3. Jen
    3 Jahren ago

    Vielen dank für diesen blogpost:) irgendwie dachte ich immer, dass man als journalist ein alroundtalent sein muss in allem, was eben zu dem beruf dazu gehört. das ist natürlich ebenso unrealistisch wie unwahr (wie ich dank deines tollen textes feststellen durfte;) ). Ich möchte nähmlich auch journalistin werden und habe meine schwäche eindeutig bei der kommunikation mit fremden menschen. Mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. es wird schon deutlich besser:) Aber deine blogposts helfen mir ungemein und führen mir vor augen, dass man nicht in allem sofort perfekt sein muss, um seine Träume zu verwirklichen. <3

    Reply
    1. Jen
      3 Jahren ago

      Eigentlich beherrsche ich sogar Groß- und Kleinschreibung, nur bin ich, sobald ich am Bildschirm sitze, immer etwas zu faul dafür;p

      Reply
      1. diemitdemrotenlippenstift
        3 Jahren ago

        Ich wurde letztens unter einem instagrambild ebenso dafür kritisiert, mach dir keine sorgen 😉

        Reply
    2. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Perfekt muss man wirklich keinesfalls sein, wer ist das schon? 😉 ich finde solange man sich überwindet und den Rest gut macht passt alles und man verliert die scheue nach und nach 🙂

      Reply
  4. Vivien
    3 Jahren ago

    Ohja, genau SO ging es mir früher auch. Bzw, je nachdem auch heute noch. Kommt eben drauf an, mit wem ich telefonieren muss… Und trotz dieser Phobie habe ich ein 3/4 Jahr in einem Callcenter (notgedrungen) gearbeitet. Geht alles irgendwie. 😀
    Aber die Probleme mit dem Nachnamen habe ich auch. „Blaser?“ „Nein, immernoch mit G, du Vollpfosten!“ ???

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    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Hui, für die Arbeit hast du meinen größten Respekt 😀
      Ja ich hab das Problem auch immer, die österreicher können B und p und d und t rein vom hören her nicht unterscheiden, auch wenn ichs immer noch so sehr beton 😀 und leider hab ich beides im Nachnamen 😀

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  5. jackyswelt
    3 Jahren ago

    Toller Beitrag. Und super unterhaltsam geschrieben, das gefällt mir sehr 🙂
    Ich kenne das auch, bei mir hat sich das Ganze dann auch erst mit der ersten Ausbildung gelegt. Aber in einem Callcenter zu arbeiten kann ich wirklich niemandem empfehlen, so etwas wünscht man doch nicht mal seinem schlimmsten Feind..

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Danke, freut mich sehr, dass dir der Beitrag gefallen hat 🙂
      Ne, das steht in der Liste meiner Traumjobs auch relativ weit unten 😀

      Reply
      1. jackyswelt
        3 Jahren ago

        Verstänlich! Ich habe es vier Wochen in einem ausgehalten, weil ich dachte, vielleicht ist es ja gar nicht soo schlimm. Fehlanzeige! Es war sogar noch schlimmer.. 😀

        Reply

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