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Journalisten sind skrupellos? Klischees im Faktencheck

Jede Berufsgruppe weckt bestimmte Assoziationen. Physikprofessoren sind verrückt, Politiker sind Lügner und DHL-Boten sind die, die als Kinder immer an fremde Türen klingelten und dann wegliefen. Nun, bei letzteren stimme ich voll und ganz zu, da mir DHL, soweit ich mich erinnern kann, noch nie ein Paket ohne Probleme nach Hause gebracht hat. Genauso, wie es gegen jede andere Branche Vorurteile gibt, gibt es auch welche gegen Journalisten. Ich will dem heute auf den Grund gehen und Klarheit darüber schaffen, an welchen Klischees was dran ist und welche an den Haaren herbeigezogen sind.

Journalisten sind sensationsgeil?

Ja, schon. Dem kann wohl niemand voller Überzeugung widersprechen. Eine gewisse Sensationslust ist allerdings Grundvoraussetzung für den Beruf, ansonsten würde man nie eine gute Story hinkriegen. Ein Journalist ohne ein gewisses Maß an Neugier und Sensationslust ist ungefähr so geeignet für den Job wie ein Metzger, der eigentlich Veganer ist.

Journalisten sind knallhart und skrupellos?

Jein. Ich muss dazusagen, dass sich das wohl nicht pauschal beantworten lässt, da man hier auf jeden Fall zwischen Journalismusbereich und Region unterscheiden muss. Mir wurde zum Beispiel oft gesagt, dass deutsche Journalisten tendenziell skrupelloser sind als österreichische, wobei es diesbezüglich auch immer ein Stadt-Land-Gefälle gibt. Ich arbeite außerdem im Magazinjournalismus, wo selten Menschen verrissen werden, nachdem sie interviewt wurden. Im Gegenteil, die meisten profitieren sogar von einem Interview, weshalb sich bei uns niemand in einer Mülltonne versteckt oder sich auf Grundstücke schleicht, um eine Story aus jemandem rauszuquetschen. Erpresst oder gar verprügelt haben wir auch noch niemanden – was nicht heißt, dass man manchen Kunden nicht mal gerne eine reinhauen würde.

Deutscher Journalismus ist besser als österreichischer

Leider ja. Ich sage es als Österreicherin wirklich ungerne, aber journalismustechnisch haben unsere deutschen Nachbarn auf jeden Fall mehr drauf. Ich zum Beispiel sehe total ungern österreichisches Fernsehen, weil ich es oft richtig peinlich finde, wie schlecht beispielsweise das Seitenblicke-Magazin aufgebaut ist. Bei Nachrichtensendungen ist das weniger der Fall, ich meine, bei Nachrichten kann man nicht allzu viel falsch machen. Da liest man eben runter, was in der Welt passiert, und solange der Moderator das nicht mit einem grauenvollen Wiener oder Vorarlberger Slang tut, hat er seinen Job gemacht.

Die deutlicheren Unterschiede sieht man dagegen bei, ich sag mal vorsichtig weniger anspruchsvollen Sendungen und Zeitungen, wie der österreichischen Krone (das Pendant zur Bild). In meiner Ausbildung hat mal jemand gesagt: „Die Bild-Zeitung ist eine gut gemachte schlechte Zeitung, die Kronenzeitung ist eine schlecht gemachte schlechte Zeitung.“ Und damit hatte er absolut Recht.

(Um das österreichische Fernsehen aber noch ein bisschen zu verteidigen: Andi Knoll ist ein um Welten besserer und lustigerer Eurovision Song Contest Kommentator als Peter Urban! Just saying.)

Journalisten sind durchsetzungsfähig?

Ich weiß ja nicht, wie es den Kollegen geht, aber mich hat die Redaktionsluft schon durchsetzungsfähiger gemacht. Anfangs versucht man noch, alles mit Freundlichkeit zu regeln (es sei denn, man ist von Natur aus unfreundlich). Zweifellos ist das sicher erst mal der elegantere Weg, auf Dauer merkt man jedoch, dass man manchmal die Ellbogen ausfahren muss, um zu bekommen, was man will. Irgendwann bittet man nicht mehr höflich um Freigabe eines Artikels und fragt dann, wenn man sie nach einer Woche noch immer nicht bekommen hat, ganz überfreundlich nach, sondern schreibt nur mehr: „Wenn ich bis zu Tag X nichts von Ihnen höre, betrachte ich den Text als freigegeben.“

Am deutlichsten habe ich den Unterschied jedoch gemerkt, als ich mal wieder ein Problem mit dem DHL-Boten hatte. Nachdem ich schon zwei Tage wegen Krankheit zuhause verbracht hatte und auf ein Paket warten musste und jedes Mal eine SMS bekam, dass mich die Fahrer wohl nicht zuhause angetroffen hätten, rief ich bei meinem Lieblingskurierdienst an. Anstatt wie früher in neutralem Tonfall die Sachlage zu erklären, ließ ich mich gleich zum betroffenen Fahrer durchstellen und legte los mit: „Sie haben schon zweimal behauptet, ich wäre nicht zuhause gewesen. Würde es eventuell helfen, mal zu klingeln, um das herauszufinden?“ Ich machte ihn noch ein bisschen zur Sau und schließlich fragte er mich ganz reumütig, ob er mir mein Paket denn in die Arbeit bringen sollte. Journalismus bringt’s.

Journalisten sind ständig unterwegs

Hahahahahaha. Nein. Ich war in zwei Monaten vielleicht auf fünf Dienstgängen, die Kollegen waren auch nicht viel öfter weg. Und meine Dienstgänge brachten mich auch nie an wirklich spannende Orte, sondern meist nur zwei bis drei Blocks weiter. Die meiste Zeit verbringen wir tatsächlich am Schreibtisch und vor der Kaffeemaschine, beziehungsweise in meinem Fall vor dem Wasserkocher. Viele Interviews führt man gar nicht persönlich, sondern telefonisch oder gar per Mail (ist allerdings um einiges anstrengender, als man denken würde). Auch die Kollegen von der Tageszeitung nebenan verbringen den größten Teil ihres Tages drin. Die meisten Meldungen kommen hier von den Nachrichtenagenturen. Wer bei der Presse arbeiten und viel unterwegs sein möchte, der sollte am besten Pressefotograf werden.

Es ist der spannendste Beruf der Welt

Ja. Und nein. Die Arbeit kann unheimlich spannend sein, wenn man an einer coolen Story dran ist, die einen interessiert und die man auch gerne schreibt. Ich muss allerdings auch dazusagen, dass es, wenn nichts los ist, auch der langweiligste Beruf ever sein kann. In jedem Job gibt es gute und schlechte Tage und das ist im Journalismus nicht anders. Mal schreibt man einen richtig coolen, lockeren Artikel über Selfies und an anderen Tagen darf man darüber berichten, wie alt der älteste Bürgermeister aus einem Kaff am A…llerwerstesten der Welt ist. That’s life.

 

So, ich hoffe, ich konnte ein paar Klischees über Journalisten und die Branche im Allgemeinen aufklären. Wenn euch noch weitere Vorurteile einfallen, die man dieser Berufsgruppe zuordnet, dann immer her damit, ich freue mich darauf, Licht ins Dunkel zu bringen. Ich denke außerdem darüber nach, eine Rubrik „Ask A Journalist“ einzuführen, wo ihr mich alles fragen könnt, was ihr schon immer über Journalismus wissen wollt – würde das jemanden von euch interessieren?

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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Nenn mich nicht Maus, Schätzchen!

Posted on 19. Februar 2017

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11 Comments

  1. wortgeflumselkritzelkram
    3 Jahren ago

    Ich liebe und hasse Klischees. 🙂 Deine Rubrik finde ich gut – mach mal!

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Danke ?

      Reply
    2. wortgeflumselkritzelkram
      3 Jahren ago

      Mir fallen auch schon Fragen ein … 😉

      Reply
      1. diemitdemrotenlippenstift
        3 Jahren ago

        Dann immer her damit ?

        Reply
  2. wortgeflumselkritzelkram
    3 Jahren ago

    Z.B. Sind Journalisten irgendwie mit dem Polizeifunk verbunden oder haben sie einen Draht zur Polizei? Wie lange sitzt man im Normalfall an einem Artikel inkl. Recherche? Dürfen Journalisten Legastheniker sein?
    Das spontan….

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Tolle Fragen, vielen Dank ? wenn dir noch etwas einfällt, gerne her damit ?

      Reply
      1. wortgeflumselkritzelkram
        3 Jahren ago

        aber immer…. gerne 🙂

        Reply
  3. Aurea
    3 Jahren ago

    Als Lokaljournalist in der Schweiz (ausgewandert) kann ich so ziemlich allem, was du schreibst, aus vollstem Herzen zustimmen. Vor allem, dass man bis zu einem gewissen Grad die Schüchternheit ablegt hab ich bei mir bemerkt. Macht sich aber gut und man kriegt so vor allem weniger blödes Verhalten von Gesprächspartnern und anderen, älteren Journalisten ab. Ist es in Österreich auch so, dass viele ältere Kollegen auf einen runterschauen, weil „das kleine Mädchen versucht, Journalist zu sein“, oder ist die Schweiz da mal wieder hinterher?

    Danke jedenfalls für den Artikel, ist voll schön wenn man sich mal wiedererkennt 😀

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Freut mich, dass du dich wiedererkannt hast ? dass man dann respektvoller behandelt wird, habe ich auch schon bemerkt, das fand ich dann ganz toll 😀
      Ja, ein älterer Kollege hat das glaube ich tatsächlich gemacht, die anderen waren aber alle sehr nett zu mir 🙂
      Danke für deinen Kommentar!
      LG Julie

      Reply
  4. meinmedienguide
    3 Jahren ago

    Toller Artikel 🙂 „Die Bild-Zeitung ist eine gut gemachte schlechte Zeitung“ – sehr treffend 😀
    Ich finde auch, dass man Journalisten auf keinen Fall über einen Kamm scheren kann. Es hängt schon sehr davon ab, für wen man schreibt, wie sensationsgeil, skrupellos etc. man ist bzw. ob man es überhaupt ist…

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      3 Jahren ago

      Dankeschön 🙂
      Ja absolut 🙂

      Reply

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