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Backstage: Österreichs seriöseste Onlinezeitung

Ich blicke ungeduldig auf die Uhr. Gleich sollte es so weit sein. Mein Herz schlägt ungewöhnlich schnell und das liegt wohl nicht nur an dem zweiten Glas Rotwein, das ich mittlerweile intus habe. Wieder schaue ich auf die Uhr und blende alle Gesprächsfetzen um mich herum aus. Es geht sowieso nur mal wieder um Politik und warum Trump uns alle zerstören wird. Alltag eben. Ich schenke mir noch etwas Wasser nach und sehe, wie ein junger Mann zur Hintertür hereinkommt und einem Herren die Hand schüttelt.

„Das kann er nicht sein, oder?“

„Der ist doch viel zu jung.“

„Nein, ich glaube, das ist er nicht.“

Plötzlich ist die Weltpolitik zweitrangig. Ich muss lächeln. Im Gegensatz zu den anderen hier weiß ich dank Insider-Infos nämlich, dass es sich bei dem jungen Kerl sehr wohl um unseren Ehrengast handelt, der von allen erwartet wird: Fritz Jergitsch, der Gründer der Tagespresse.

Er ist anders angezogen als die meisten hier: Jeans, T-Shirt, Sweatjacke und ein freundliches Grinsen. Hätte ich ihn auf der Straße getroffen, ich hätte niemals gedacht, einem meiner größten Idole zu begegnen. Nachdem ich den ganzen Tag im ORF Zentrum verbracht hatte, war ich richtig glücklich, einen bodenständigen jungen Mann zu sehen. Und ich wurde auch im Verlauf des Abends nicht enttäuscht. Bei jedem seiner Worte merkt man: Der Typ verstellt sich nicht, er will nicht beeindrucken, tut es aber genau deshalb trotzdem.

Wir durften Fritz im Rahmen der jährlichen Exkursionen der Journalismusakademie kennenlernen, von der ich euch bereits erzählt habe. Letztes Jahr ging es nach Brüssel, dieses Mal ging es nach Wien. Auch, wenn ich bekanntlich nicht der größte Fan unserer Hauptstadt bin (wenn man den wunderschönen ersten Bezirk ausnimmt), musste ich einfach mitfahren. Und als dann ein Treffen mit Fritz auf der Agenda stand, wusste ich, es war die richtige Entscheidung.

Am Anfang erzählt uns Fritz darüber, wie die Tagespresse ins Leben gerufen wurde und wie sie zu einer solchen Berühmtheit gelangte. Es passierte alles durch einen Artikel (der, by the way, an meinem Geburtstag gepostet wurde), laut dem Edward Snowden in Wien gelandet sei und dort aufgrund der Trägheit der österreichischen Justiz Asyl beantragt habe – eine Nachricht, die nicht überall als Satire aufgefasst wurde, wie Fritz eindrucksvoll erzählt: „Ich hatte im Schnitt 20 Klicks am Tag. Nachdem ich den Snowden-Artikel gepostet hatte, lag die Zahl plötzlich bei 30. Da dachte ich mir noch nichts. Aber dann stieg die Zahl weiter auf 40, 50 und irgendwann lag sie dann bei 1000 und es wurden stündlich mehr, sodass ich dann am Ende des Tages 2 Millionen Klicks hatte. Ich saß zu dieser Zeit mit meiner Mutter im Wohnzimmer. Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr eure Mutter anseht und euch denkt: So, jetzt hab ich einen Scheiß gebaut.“

Die Aufregung war groß, die Meldung ging viral. Durch das seriöse Auftreten der Tagespresse kam niemand auf den Gedanken, Satire zu lesen. Schließlich musste sogar die PR-Abteilung des österreichischen Außenministeriums eine Pressemeldung wegen des Artikels herausgeben, um der Bevölkerung und den internationalen Medien zu erklären, dass Snowden sich nicht wirklich in Wien aufhalte.

Auch heute wird noch nicht überall erkannt, dass es sich bei den Artikeln der Tagespresse um Satire handelt, vor allem FPÖ-Politiker HC Strache fällt ganz gerne mal drauf rein und teilt kritische Tagespresse-Berichte über seine Kontrahenten auf seiner Facebook-Seite – und sorgt damit unbewusst für weitere Lacher. Aber wie weit darf Satire eigentlich gehen? Auch das beantwortet Fritz: „Satire darf alles. Es muss nur ein wahrer Kern dahinter sein.“ Und tatsächlich: Die österreichische Justiz ist extrem träge, niemand versteht Vorarlberger (außer sie selbst) und HC Strache ist nicht der größte Flüchtlingsfreund. Was nicht heißt, dass Fritz nie verklagt wurde.

Ich bin normalerweise dafür bekannt, dass ich die Augen verdrehe, aufs Handy schaue und mich langweile, wenn jemand über sein Leben erzählt und davon schwafelt, wie toll er doch selbst ist. Doch da Fritz so von seinem Tagespresse-Erfolg spricht und dabei so natürlich und authentisch bleibt, habe ich kein einziges Mal das Verlangen, mein Handy rauszuholen. Gut, einmal mache ich eine schnelle Instagram-Story, um ein bisschen anzugeben, aber das war’s. Ich habe sogar ganz vergessen, Fotos zu machen, weil die Realität viel zu interessant war, als dass ich sie festhalten hätte können.

Zum Glück bin ich, als der offizielle Teil vorbei war, über meinen Schatten gesprungen und hab die Chance genutzt, ihn als erste anzuquatschen, bevor sich ein ganzes Rudel um ihn bilden konnte. Ich habe ein bisschen mit ihm geplaudert und erzählt, dass ich mit einem seiner Freunde zusammengearbeitet habe und habe dann schlussendlich doch noch ein Foto bekommen 🙂

fritz-und-ich-1-von-1

In der ganzen Landschaft aus Journalisten, Pressesprechern und Politikern, die wir in den drei Tagen kennenlernen durften, stach Fritz wirklich positiv heraus. Während die meisten anderen Vorträge von einer gewissen Überheblichkeit geprägt waren, glänzte er mit seiner Natürlichkeit. Man merkte bei jedem seiner Worte, dass da ein intelligenter junger Mann sitzt, der nicht weniger im Kopf hat als andere Journalisten, der es aber nicht nötig hat, seinen Intellekt durch komplizierte, abgedroschene Floskeln zu beweisen. Außerdem war es wirklich mal angenehm, dass jemand nicht geschickt um Fragen herumredete, sondern einfach ganz klar sagte: „Ja, auf Marihuana hat man mehr Ideen. Die sind aber leider oft ziemlicher Blödsinn. Also: Drogen, nur in der Freizeit.“

Es war mir eine Ehre, den genialen Kopf hinter der Zeitung, die mich oft in inoffiziellen Arbeitspausen vor Lachen fast ersticken lässt, kennenzulernen.  Das Gespräch mit Fritz und das Wiedersehen mit unserem bereits erwähnten gemeinsamen Freund waren definitiv meine beiden großen Highlights dieses Ausflugs. Wenn Interesse besteht, berichte ich gerne noch über andere Aspekte des journalistischen Wiens.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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4 Comments

  1. kaddi94
    2 Jahren ago

    Ich finde es einfach sooo cool, dass du ihn getroffen hast. 🙂
    Die Tagespresse hat mir schon so einigen Lacher bescherrt.

    Wishes, Kat
    von http://sevenandstories.net/

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Er ist der coolste ?

      Reply
  2. confidentcontradiction
    2 Jahren ago

    Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr eure Mutter anseht und euch denkt: So, jetzt hab ich einen Scheiß gebaut.“ –oh mein Gott: JA!

    Liest sich wie Butter zwischen den Zeilen, wie du schreibst 🙂 Finde ich gut. Und jetzt weiß ich auch endlich mal mehr über das „Dahinter“ der Tagespresse. Danke!

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Haha ja, der Kommentar war so sympathisch ?
      Dankeschön fürs Kompliment!

      Reply

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