In Column, Personal

Wenn ständige Erreichbarkeit zur Qual wird

Manchmal denke ich darüber nach, was ich in einem früheren Leben gewesen sein könnte. Und so ziemlich immer ende ich bei der Überzeugung, dass ich in einem früheren Leben eine Katze gewesen sein muss. Nicht, weil ich Katzen so gerne hätte – ich bin Hundemensch mit Leib und Seele. Aber mit Katzen kann ich mich sehr stark identifizieren: Wenn sie gestreichelt werden wollen, werden sie sehr anhänglich und geben keine Ruhe, bis sie Zuneigung bekommen und sobald sie keinen Bock mehr auf Streicheleinheiten haben, hauen sie wieder ab. Genau diese Eigenschaften würde ich auch mir selbst zuschreiben.

Es gibt Phasen im Leben, da könnte ich mich ständig mit Freunden treffen, die Nächte durchfeiern und am nächsten Tag trotzdem gut gelaunt und voller Energie meinem Alltag nachgehen. Und dann gibt es diese Tage, da ist mir jeglicher menschliche Kontakt zu viel und ich bin schon überfordert, wenn mir jemand eine Nachricht schickt und fragt, ob ich etwas unternehmen möchte – obwohl ich ganz einfach Nein sagen könnte und sich die Sache damit erledigt hätte. Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass zweiteres bei mir eher die Ausnahme als die Regel ist.

Gerade in letzter Zeit weiß ich die Momente, in denen ich keinen Kontakt zur Außenwelt habe, immer mehr zu schätzen – ebenso wie den Flugmodus meines Handys. Es tut einfach so gut, zu wissen, dass einen keine Nachrichten und Anrufe erreichen können, bis man selbst sich dazu entscheidet, es wieder zu erlauben. Man setzt eine Grenze, die niemand durchdringen kann, und das fühlt sich extrem gut an.

Inspiriert hat mich hier ein guter Freund, mit dem ich letztens über Social Networks gesprochen hat und er mir offenbarte, dass er Instagram von seinem Handy gelöscht hat, um weniger Zeit am Handy zu verbringen. Diese Aussage verwunderte mich im ersten Moment ziemlich, denn schon vor dieser Sache mit Instagram kannte ich keinen Menschen in meinem Alter, der so wenig Zeit am Handy verbrachte wie er. Ich fing dann langsam an, ihn zu verstehen, als er mir erzählte, wie viel besser es ihm geht, seit er das Handy häufiger mal auf Flugmodus stellt. Es hörte sich wirklich herrlich an und ich beschloss, es ebenfalls zu probieren.

Anfangs war es ungewohnt, nicht mehr ständig erreichbar zu sein. Oft ertappte ich mich dabei, wie ich verstohlen auf mein Handy starrte und mich fragte, ob ich die imaginäre Wand, die ich mir aufgebaut hatte, kurz durchbrechen sollte, falls mich eine wichtige Nachricht erreicht hatte. Aber nach einer Stunde fand ich es wirklich angenehm und ich dachte mir: Was kann wichtiger sein, als meine Ruhe zu haben?

Nicht jeder reagiert verständnisvoll. Kein Wunder, schließlich sind wir daran gewöhnt, jederzeit und überall erreichbar zu sein und erwarten das auch von anderen. Viele könnten sich heutzutage auch gar nicht mehr vorstellen, das Handy auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Dieses so wichtige Gerät nicht auf Anhieb in der Tasche zu finden, artet gerne mal in eine kleine Panikattacke aus. Wann sind wir eigentlich solche Opfer des Systems geworden?

Natürlich, wenn ich in der U-Bahn stehe und nur zwei Stationen fahre, zahlt es sich nicht aus, ein Buch zu lesen. Denn sobald ich es an der richtigen Stelle aufgeschlagen habe, muss ich es sowieso schon wieder wegstecken. Da schaut man eben aufs Handy. Geht schnell und lässt die Fahrzeit noch schneller vergehen. Das Handy hat ja nicht nur schlechte Seiten, ganz im Gegenteil. Aber ich muss zugeben, dass mir die ständige Erreichbarkeit immer mehr zu schaffen macht, sodass ich schon mal kurz davor war, meine Nummer zu wechseln und nur den wirklich allerwichtigsten Menschen meine neue Nummer zu geben. Ziemlich melodramatisch, was?

Jedenfalls habe ich es probiert. Habe meinem Handy seinen Empfang genommen und nervös gewartet, ob etwas passiert. Jede halbe Stunde musste ich meine selbst auferlegte Pause unterbrechen, um zu sehen, ob mir jemand eine superwichtige Nachricht geschickt hat – könnte ja sein, dass alles um mich herum zusammenbricht. Aber, Überraschung: Es ist nichts dergleichen passiert. Irgendwann beginnt man, sich immer wohler zu fühlen, wenn man weiß, dass das Handy gerade nicht klingeln oder vibrieren kann und man diesen Stressfaktor ausblenden kann. Dann besinnt man sich nämlich wieder auf die Dinge, die tatsächlich wichtig sind – denn die befinden sich nur in den seltensten Fällen im Smartphone.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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2 Comments

  1. Jürgen
    4 Monaten ago

    Echt starker letzter Satz!

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    1. Julie
      4 Monaten ago

      Danke dir!

      Reply

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