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Wien vs. Berlin – ein Fazit

Ich lebe in Wien. Und liebe Berlin. Eine komplett gegensätzliche Stadt, die sich für mich schon immer wie ein zweites Zuhause angefühlt hat. Warum ich dann nicht gleich dort gelandet bin, wenn ich doch eh von zuhause ausgezogen bin? Nun ja, sagen wir, ich hatte meine Gründe. Dennoch muss bei mir jedes Jahr mindestens ein Besuch in meiner Herzensstadt eingeplant werden, sonst werde ich ganz unrund. Auch letzte Woche war ich wieder da – und wäre am liebsten gar nicht mehr gefahren. Während unseres Aufenthalts haben wir immer wieder über die Unterschiede zwischen Wien und Berlin philosophiert und dabei kaum einen Punkt ausgelassen.

 

Einkaufen

Ganz klares 1:0 für Berlin!

Ich liebe es, in Berlin einkaufen zu gehen. Und damit meine ich nicht nur ausgedehnte Shoppingtouren (wobei… die natürlich auch!), sondern auch ganz alltägliche Lebensmitteleinkäufe. Wochentags haben die meisten Supermärkte bis Mitternacht geöffnet, während es für uns Österreicher bis vor ein paar Jahren noch nicht mal selbstverständlich war, dass der Supermarkt überhaupt bis 20 Uhr offen haben könnte (und genau das wird nun als „lange Öffnungszeit“ propagiert).

Und wenn man in Berlin um vier Uhr morgens auf die Idee kommt, noch Nudeln mit Pesto machen zu müssen, rennt man eben schnell zum Späti. Nimm dir ein Beispiel, Wien! Für eine mitteleuropäische Großstadt sind diese Ladenöffnungszeiten einfach nicht mehr zeitgemäß.

 

Die Öffis

Punkt für Wien!

Obwohl wir die BVG natürlich lieben, geht dieser Punkt für mich eindeutig an die Wiener Linien. Das Öffi-Netz in Wien ist wirklich super. Man erreicht hier wirklich jeden noch so entlegenen Winkel der Stadt wunderbar mit den Öffis. Außerdem liebe ich es, dass an jeder Station durchgesagt wird, zu welchen Linien man umsteigen kann. Während man in Berlin nur sowas wie „Übergang zur Metrotram“ von der freundlichen Stimme hingeklatscht bekommt, kommt in Wien sowas wie: „Schottentor. Umsteigen zu den Linien, 1, 2, 37, 38, 40, 41, 42, 71, D, 40a, Airport Bus“ und dann werden noch die Namen der Erstgeborenen sämtlicher Fahrgäste runtergerattert.

Der Punkt geht auch deshalb an Wien, weil die U-Bahn-Stationen einfach viel schöner und gepflegter sind und ein Wochenticket in Berlin fast so viel kostet wie ein Monatsticket in Wien.

 

Das Nachtleben

2:1 für Berlin!

In Berlin kann man ausgehen wie in kaum einer anderen Stadt. Coole Bars findet man an so gut wie jeder Ecke, die Eintrittspreise für Clubs sind bei weitem nicht so unverschämt hoch wie in Wien, und niemand wird seltsam angeschaut, wenn er im Alltagsoutfit feiern geht. Für faule Säue wie mich eine absolute Wohltat, denn mein „Fertigmachen fürs Ausgehen“ dauert nie signifikant länger als fünf Minuten und beschränkt sich in der Regel auf Wimperntusche auftragen, mit Deo einsprühen und schauen, dass ich keine Kernölflecken auf dem Oberteil habe. In Wien wäre ich komplett underdressed, in Berlin gilt frei nach Nirvana das Motto: Come as you are.

Der Dialekt

Gleichstand! 2:2!

Gut, das ist wirklich reine Geschmackssache. Ich mag die Berliner Schnauze zwar ganz gern, aber ich freue mich beim Heimfliegen immer am meisten auf den Wiener Dialekt und auch heute, als ich die Stewardessen mit leichtem Wiener Slang reden hörte, ging mir ein bisschen das Herz auf. Heeeeeast, Oidaaa!

 

Die Schönheit

3:2 für Wien!

Einmal an der Ringstraße entlangflanieren, die wunderschönen Prunkbauten anschauen und einfach nur staunen – das ist Wien! Ich bin oft richtig beeindruckt, wie schön diese Stadt sein kann! Vor allem zur Weihnachtszeit, wenn alles in tausend Lichtern erstrahlt, macht der Wiener Innenstadt in Sachen Schönheit kaum eine andere Stadt etwas vor. Klar, Berlin hat auch wunderschöne Ecken, und Wien hat richtig hässliche Fleckchen. Doch auch wenn ich Berlin absolut toll und historisch mega interessant finde, hat Wien hier für mich ganz leicht die Nase vorn.

 

Essen gehen

3:3!

Dieser Punkt geht ohne zu zögern an Berlin! Es gibt in Berlin essenstechnisch nichts, das es nicht gibt. Ein Lokal, das 24/7 Frühstück serviert? In Wien undenkbar, in Berlin Realität. Und wenn man nicht gerade im ultra Hipsterlokal sitzt, ist Berlin auch hier deutlich günstiger als Wien. In geilster Lage haben wir in Berlin für einen Burger mit Pommes und Cola nicht mal zehn Euro bezahlt. In Wien zahlt man oft schon einen Zehner für den Burger alleine. Und für den Preis, für den man in Wien einen Cappuccino bekommt, kriegt man in Berlin zum Kaffee ein Stück Kuchen und das Erstgeborene des Barkeepers dazu.

Ich weiß noch, wie meine Freundin Chrissi und ich gestern in der Shisha-Bar saßen, einen frischen Minztee (noch so ein Punkt, für den ich Berlin einfach liebe!) nach dem anderen tranken und eine Wasserpfeife rauchten und dann nicht schlecht gestaunt haben, als wir die Rechnung bekommen haben – wir mussten uns beide erst vergewissern, dass sie uns nicht drei bis vier Tees zu wenig verrechnet haben.

 

Die Menschen

Ganz große Liebe und 1000 Punkte für die Berliner!

Obwohl ich den Wiener Grant lustig finde und mich total damit identifizieren kann, geht dieser Punkt für mich eindeutig an die Berliner. Jedes Mal, wenn ich nach Berlin fahre, bin ich total geflasht von den Menschen.

Wiener sind lieb, wenn man sie kennt, aber anfangs mit wenigen Ausnahmen recht unzugänglich. Versucht man nur, jemanden nach der Uhrzeit zu fragen, wird man mit komischen Blicken bedacht und kann sich sicher sein, das Gesprächsthema beim nächsten Kaffeeklatsch zu sein. In Berlin kann man sogar in der U-Bahn oder an der Supermarktkasse mit den Menschen ins Gespräch kommen und sich für den nächsten Tag verabreden, obwohl man sich gerade erst kennengelernt hat. Wenn ein Wiener hingegen „Machen wir uns mal was aus!“ sagt, dann heißt das eher so viel wie: „Wir werden uns niemals treffen und am besten vergisst du, dass ich jemals existiert habe. Ich bin nur ein Konstrukt deiner Fantasie!“

Ja, die Berliner sind direkt und daran muss man sich erst mal gewöhnen. Wie nett sie sind, lernt man aber meist recht schnell. Erst gestern wurde es mir wieder so richtig bewusst. Meine Freundin und ich saßen in der Shisha Bar und mir wurde plötzlich schlecht. Richtig schlecht. Ich konnte kaum geradeaus schauen und hatte ein richtig flaues Gefühl im Magen und Kopfschmerzen. Irgendwann ging ich nach draußen, frische Luft schnappen. Nur wenige Sekunden später kam der Kellner zu mir nach draußen, drückte mir eine Flasche eiskaltes Wasser in die Hand und sagte: „Ist alles okay bei dir? Wenn es dir nicht besser geht, ruf mich einfach, dann bring ich dir nen Stuhl raus. Nicht dass du mir umkippst!“ Diese Dinge passieren in Wien einfach nicht.

 

Der Flughafen

Hahahaha. Scherz.

„Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu eröffnen“ – oder so ähnlich. Ja, jedes Mal, wenn ich Tegel oder Schönefeld sehe, ist mein erster Gedanke: „Bist du deppat, wir haben schon einen schönen Flughafen in Wien!“

So schwerwiegend, dass ich Berlin dadurch abwerten würde, finde ich diesen Punkt aber zum Glück noch lange nicht.

 

Ich mag Wien. Wien ist mir ans Herz gewachsen mit seinen grantelnden Einwohnern und seinen Eigenarten wie der Abwesenheit von Parkticketautomaten. Aber Berlin liebe ich. Den Fernsehturm zu sehen macht mich glücklich. Die Berliner Schnauze bringt mich zum Lachen. Der Flughafenbus bringt mich zum Verzweifeln. Das Kopfsteinpflaster bringt mich zum Stolpern. Aber der Rest bringt mein Herz dazu, schneller zu schlagen. Berlin, ick liebe dir!

 

Deine Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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