In Personal

Ich kann gerade nicht positiv denken.

„Ja, wir haben gerade eine Krise, aber wir können doch sooo viel Positives daraus ziehen!“

Die Sätze, die ich in den letzten Tagen am häufigsten in den sozialen Netzwerken lese, haben allesamt damit zu tun, dass die Situation ja gar nicht so schlimm sei und dass wir daraus ja gestärkt hervorgehen können und „endlich mal wieder richtig viel Zeit für die Dinge haben, die wirklich wichtig sind“.

Und ganz ehrlich? Ich kann es nicht mehr hören.

Es freut mich ja, dass alle sich plötzlich wieder daran erinnern, dass sie Großeltern haben. Ich freue mich für euch alle, wenn ihr es genießt, mit ihnen zu facetimen. Aber ich bin nun mal niemand, der plötzlich ein gutes Verhältnis zu all seinen Verwandten hat, die ihn jahrelang nicht interessiert haben, nur weil ein Virus diese Welt erobert. Wenn mich Verwandte oder Bekannte, zu denen ich jahrelang keinen Kontakt hatte, nun plötzlich anrufen, löst das bei mir höchstens den Drang aus, ihre Nummer zu blockieren. Und wenn ich noch einmal das Wort „Entschleunigung“ lesen muss, schreie ich.

Ja, die Erde erholt sich gerade von den Strapazen, die wir ihr jahrzehntelang tagtäglich zugefügt haben, und ja, natürlich finde ich das super. Klar, „unsere Großeltern wurden noch in den Krieg geschickt und wir müssen nur auf der Couch sitzen“. Ja, uns geht es vergleichsweise gut. Ja, verdammt, ich weiß das alles.

Es ändert trotzdem nichts daran, dass diese Situation eine Belastung ist. Ich weiß, ich habe am Anfang noch darüber gescherzt und behauptet, dass mir Social Distancing nichts ausmachen würde, weil ich mein Leben lang gelernt habe, Menschen aus dem Weg zu gehen. Verdammt, ich gehe sogar extra fünf Minuten zum nächsten Supermarkt anstatt zum Billa direkt gegenüber von meiner Wohnung, einfach nur weil ich den Augustin-Verkäufer, der da immer davor sitzt, nicht grüßen will. Und was passiert, wenn ich meinen Nachbarn zufällig beim Einkaufen treffe, ist inzwischen auch bekannt.

Ich war immer schon jemand, der seine Akkus eher allein aufgeladen hat als in Gesellschaft anderer Menschen. Aber keinem Akku tut es gut, ständig am Stromkabel zu hängen.

Ich lebe allein und arbeite momentan im Home Office. Einkaufen gehe ich nur, wenn es wirklich sein muss. Die einzigen Momente, in denen ich letzte Woche so etwas wie soziale Kontakte hatte, waren, als ich mit einem Kumpel joggen gegangen bin – mit einer Armlänge Abstand, versteht sich. Eine Aktion, für die ich auf Instagram wütende Nachrichten bekommen habe, weil ich so ein schlechtes Vorbild sei, weil #staythefuckhome und so. Man ist ja eine schlechte Influencerin, wenn man diesen Hashtag nicht alle zehn Minuten postet.

Und ja, es fuckt mich ab. Im Februar war mein Leben noch so perfekt – mein Schlafrhythmus war zwar im Arsch, aber ich bin jeden Morgen mit einem Lächeln aufgewacht, weil jede Woche mindestens ein Auftritt angestanden ist und eine gute Sache nach der anderen passierte. Und plötzlich ist alles vorbei. Mein Schlafrhythmus erholt sich von den Strapazen, aber ich habe keinen Grund mehr, morgens aufzustehen.

Ja, ich weiß, es wird eine Zeit nach Corona geben und ich werde wieder die Gelegenheit haben, das zu tun, was ich liebe, nämlich die Menschen zum Lachen bringen. Aber die Ungewissheit, wann es tatsächlich wieder so sein wird, macht mich wahnsinnig.

Aber es ist nicht nur das. Ich werde dieses Jahr zu Ostern das erste Mal allein zu Hause sein, weil ich nicht zu meinen Eltern fahren kann, die in Tirol in Quarantäne festsitzen, und ich weiß nicht, wann ich sie wieder sehe. Ich weiß nicht, wann ich meine Freunde wieder in die Arme schließen kann. Es hätte das Highlight meines Jahres werden sollen, meinen Geburtstag in Berlin zu verbringen und jetzt zittere ich jeden Tag, ob das überhaupt stattfinden kann.

Ich weiß, meine Probleme sind absolute Luxusprobleme, und es gibt Menschen, die mit viel größeren Dingen zu kämpfen haben. Ich will gar nicht an die ganzen Menschen denken, die nun mit Todesfällen oder häuslicher Gewalt konfrontiert sind oder deren Existenz von dieser Krise bedroht ist.

Aber dass es vielen Menschen so viel schlechter geht, ändert nun mal nichts daran, dass ich, seit ich von zuhause ausgezogen bin, noch nie so viel geweint habe wie in den letzten Tagen. Und dann hilft eben der gut gemeinte Rat, einfach mal positiv zu denken, auch nichts. Manchmal muss man die Emotionen einfach rauslassen. Und das hier war gerade mein Ventil.

Danke fürs Lesen.

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2 Comments

  1. Marietta
    2 Monaten ago

    Ich bin immer wieder erleichtert wenn ich erfahren darf, dass es nicht nur mir schwer fällt. Ich bin froh wenn sich Menschen dazu äußern, dass die Isolation eine völlige Belastung ist und ich bedaure Menschen die erst durch solch ein Ereignis mit der Erfahrung konfrontiert sind mal auf sich selbst zurück geworfen zu sein. Bleibts gsund heißt es zur Verabschiedung. Ich hatte nie was anderes vor und deshalb gehe ich auch Joggen im Freien. Wer das verwerflich findet hat vielleicht nicht ganz um die Ecke gedacht. Seelische Gesundheit wäre da auch noch so ein Punkt. …

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    1. Julie
      2 Monaten ago

      Vollkommen richtig! Ich finde, wenn ein Spaziergang oder eine Joggingrunde im Freien gerade das ist, was einen davon abhält, komplett durchzudrehen, sollte man genau das tun. Solange man dabei keine Passanten abschmust, ist immerhin alles paletti. Aber leider wird seelische Gesundheit immer noch vollkommen unterbewertet, obwohl gerade Depressionen so eine häufige Todesursache sind, und das macht mich gerade in solchen Zeiten unendlich traurig …

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