In Personal

Bye bye, Elefantenbeine!

Ich stehe vor dem Spiegel und weiß genau, was ich an mir mag, und was nicht. Theoretisch könnte ich einfach die Augen verschließen. Ich könnte ignorieren, was mir nicht gefällt und mich darauf konzentrieren, was ich gut finde. Aber der Blick wandert trotzdem unaufhörlich zu meinen Beinen. Zu dem Teil meines Körpers, der einfach nicht zum Rest passt. Zu dem Teil, dessen Anblick die Tränen und Ekelgefühle in mir hochsteigen lässt. Bei jedem Blick in den Spiegel will ich mir ein Messer schnappen und das Fett von meinen Beinen schneiden, auch auf die Gefahr hin, zu verbluten.

Mehr als nur Komplexe

Ich bin kein von Grund auf unzufriedener Mensch. Im Großen und Ganzen komme ich mit mir selber ziemlich gut klar. Nur einen wunden Punkt habe ich seit meiner Pubertät: Meine Oberschenkel. Richtig dick war ich nie. Gut, ich war mal etwas pummelig. Den Speck habe ich größtenteils abtrainiert, nur an den Beinen schien sich nicht viel zu ändern und wenn, dann nur an den Waden. Ich versuchte es mit Sport. Ich quälte mich mindestens sechsmal die Woche ins Fitnessstudio, verbot mir alle Kohlenhydrate und trotzdem wurden meine Beine nicht schlanker. Mein Körper wurde nur unförmiger dadurch, dass ich überall abzunehmen schien, nur an den Oberschenkeln nicht. Ich hasste mein Spiegelbild und ekelte mich vor den Fettschürzen an den Innenseiten meiner Knie und an den inneren Oberschenkeln. Und fühlte mich machtlos, weil ich nichts dagegen tun konnte.

Diagnose Lipohypertrophie

Es war für mich eine regelrechte Erleichterung, als ich zum ersten Mal den Begriff „Lipödem“ las und ein Bild einer Frau dazu sah, die vom Körperbau ungefähr gleich aussah wie ich: Schlank mit überproportional dicken Beinen. Ich las mich ein, informierte mich genau darüber und vereinbarte schließlich Beratungstermine mit zwei Ärzten, die sich die Sache genauer ansehen sollten. Kurze Erklärung zum Lipödem: Das Lipödem ist eine Fettverteilungsstörung, die fast ausschließlich Frauen betrifft. Sie zeichnet sich durch verhältnismäßig dicke Beine (manchmal auch Arme), Druckempfindlichkeit und Neigung zu blauen Flecken aus. Das Lipödemfett ist diät- und sportresistent und kann nicht abgenommen, nur abgesaugt werden.

Arzt Nummer 1 tippte darauf, dass ich kein Lipödem hätte. Zwar seien meine Oberschenkel dicker als der Rest, aber meine Unterschenkel entsprechen nicht dem typischen Bild. Als ich dann auf die Frage, ob mir irgendetwas wehtäte, wenn ich länger stehe, mit „Ja, in der Fußsohle“ antwortete, schloss er ein Lipödem aus. Schließlich hätte ich da solche Schmerzen, dass ich weder Berührungen noch längeres Stehen aushalten könnte.

Arzt Nummer 2 hingegen war anderer Meinung: Knie und innere Oberschenkel seien eindeutig lipödematös und man sollte operieren. Als ich darauf hinwies, dass ich an den Oberschenkeln weder besonders empfindlich war, noch zu blauen Flecken neigten, lautete die Diagnose Lipohypertrophie: Sieht gleich hässlich aus wie ein Lipödem, verursacht aber keine Schmerzen. Immerhin etwas. Für die OP entschied ich mich trotzdem. Ich wollte endlich ohne Abscheu in den Spiegel schauen können und dafür nahm ich das gerne auf mich. Zum Glück kam mir der Arzt sehr entgegen und gab mir einen Termin am 27. September – genau 47 Tage nach dem Beratungsgespräch.

Die Operation

Eigentlich wollte ich aus dieser Operation ein Geheimnis machen. Dass ich mich beraten lassen würde, wussten auch nur drei Menschen: Mein Freund, meine Mama und meine beste Freundin. Doch je näher der Termin rückte, umso mehr Menschen erfuhren davon. Das war ein rein strategischer Zug: Je mehr Menschen davon wissen, umso eher mache ich es tatsächlich, um mir nicht die Blöße zu geben.

Ich schlief die halbe Nacht nicht und das machte sich auf dem OP-Tisch bemerkbar: Trotz Beruhigungsmittel hatte ich solche Angst, dass mir die Tränen unaufhörlich über die Wangen liefen. Ich wünschte mir eine Vollnarkose oder zumindest eine Ohnmacht, die so lange dauern würde wie der Absaugprozess. Schmerzhaft war das Absaugen an sich nicht. Aber das Einspritzen der Tumeszenzlösung, die das Fettgewebe aufweicht und ein Narkosemittel beinhält, war der Horror. Ich zitterte stark und weinte wie ein Schlosshund, aber ich wollte es unbedingt durchziehen. Aus diesem Grund habe ich es auch so vielen Leuten erzählt: Je mehr Leute davon wissen, umso peinlicher wäre es mir, es nicht durchzuziehen. Also blieb ich stark. Und es zahlte sich aus.

Das Ergebnis

Erst weinte ich vor lauter Angst, danach vor lauter Freude. Die OP ist nun einen Monat her und ich bin jedes Mal wieder superhappy, wenn ich meine Knie ansehe. Schon allein für diese Knie hat sich die Operation gelohnt. Ich habe endlich normale Knie! Ich kann endlich wieder Kleider und Röcke tragen, ohne optisch den Eindruck zu erwecken, ich hätte schlimme X-Beine. Schmerzhaftes Aneinanderreiben der Beine gehört ebenfalls der Vergangenheit an, denn die „Fettkrapferl“, wie meine Mutter es so liebevoll bezeichnet, sind weg.

Die Top 10 der Reaktionen

Natürlich gibt’s kaum eine „Schönheitsoperation“, die nicht mit blöden Sprüchen seitens der anderen Menschen einhergeht. Zum Glück habe ich viel Unterstützung und Verständnis erfahren und möchte mich hiermit vor allem bei meinem wundervollen Freund bedanken, der mich zu den Arztterminen begleitet und von der Operation abgeholt hat und meine Entscheidung nie infrage gestellt hat, sondern immer hinter mir gestanden ist. Auch meiner Mama möchte ich für ihre tolle Unterstützung danken, nicht nur für die finanzielle, sondern auch für die seelische. Danke!

So, nun aber die Top 10 der Sprüche, die Leute ablassen, wenn sie davon erfahren:

  1. Warum lässt du dir das denn absaugen? Mach doch einfach Sport. (Hahahahaha. Was für ein revolutionärer Vorschlag, auf die Idee wäre ich nicht gekommen.)
  2. Ich versteh das nicht, das hast du doch nicht nötig.
  3. Ist dir das nicht zu schade ums Geld?
  4. Ich würd’s ja nicht machen, aber ist deine Entscheidung.
  5. Ogott, mach das nur nicht, das kann total schiefgehen!
  6. Coole Sache. Wenn du unzufrieden bist, musst du was ändern.
  7. Du weißt aber schon, dass man Minderwertigkeitskomplexe nicht absaugen kann?
  8. Tut das nicht weh?
  9. Daran kann man eh nicht sterben, oder?
  10. Und wie finanzierst du dir das?

Wenn jemand wissen will, wie so eine Liposuktion abläuft, der kann sich dieses Video hier anschauen https://www.youtube.com/watch?v=FoVMFareBgE

So, einen Monat ist es her, 800 Milliliter reines Fett sind weg – es klingt nach nichts, aber ich sehe es. Ich passe wieder in meine alten Jeans, werde beim Treppensteigen nicht mehr von meinen Beinen nach unten gezogen und vor allem habe ich viel Selbstbewusstsein dadurch gewonnen, dass ich mich nicht mehr so unförmig fühle. Nächstes Jahr werde ich mich nicht mehr vor der Badesaison fürchten, sondern mit Freude meinen Bikini rauskramen und die Sonne anbeten.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

Share Tweet Pin It +1

You may also like

London, my dearest love!

Posted on 8. April 2017

Waaaaas, du rauchst?

Posted on 24. September 2018

Previous PostBildung? Nur in der Gruppe
Next Post5 Dinge, die mich an Blogs (und ihren Inhabern) nerven

17 Comments

  1. Flo
    2 Jahren ago

    Klasse! Lass dich nich unterkriegen! Es gibt einfach auch „nötige“ Schönheitsoperationen. Ich habe mir als Kind die Ohren anlegen lassen und bereue das niemals. Das verstehen aber andere halt einfach nicht. Von daher: Du musst dich selbst spüren, niemand anderes.

    Thumbs up also! 🙂

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Danke für deinen tollen Kommentar, lieber Flo! Auch immer schön, persönliche Erfahrungen zu lesen. Ich verstehe das mit den Ohren auch total, ich glaube ich würde das auch machen 🙂

      Reply
      1. Flo
        2 Jahren ago

        Naja, ich war natürlich etwas ohne Wahl: Meine Mum hatte das einfach entschieden. Trotzdem: DAs war schon absolut notwendig! 🙂

        Reply
        1. diemitdemrotenlippenstift
          2 Jahren ago

          Dann hat sie zum Glück richtig entschieden 🙂

          Reply
  2. dieschattentaucherin
    2 Jahren ago

    In unserer Nachbarschaft gab es früher eine junge Frau, die bis zu ihren Hüften ganz normal aussah. Darunter: Elefantenbeine. Anders kann ich das nicht beschreiben, es sah vollkommen grotesk aus. Niemand hat Witze oder abfällige Bemerkungen gemacht – alle taten, als wäre nichts. Aber sie muß sich dessen bewusst gewesen sein. Ständig. Und niemand hat je etwas gesagt. Gruselig.
    Ob Deine Beine so schlimm ausgesehen haben, kann ich nicht wissen, es tut aber auch nichts zur Sache.
    Du hast meinen Respekt für den Mut, das Schweigen zu brechen!
    Über Dein Aussehen UND über die OP.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Vielleicht hatte sie auch ein Lipödem.. So arm! Das tut mir immer richtig leid, vor allem, weil man dafür auch nichts kann. Allzu schlimm wars bei mir nicht, ich hatte untenrum ne normale Größe 38, aber mit ner 34 obenrum fiels mir eben doch auf und es hat mich einfach richtig gestört.
      Vielen Dank! Ich danke dir für deinen tollen Kommentar! Schönes Wochenende!

      Reply
  3. wortgeflumselkritzelkram
    2 Jahren ago

    Ich finde das toll und richtig, mit so was an die Öffentlichkeit zu gehen. Es gibt zu viel, was unter „Peinlichkeit“ verschwiegen wird (dazu gehören auch so einige psychische Erkrankungen). Es kann sich nur etwas ändern, indem man offensiv damit umgeht. Danke für deinen Mut, dies zu tun!!!

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Ich danke dir von Herzen für deinen Kommentar!!

      Reply
  4. Mama
    2 Jahren ago

    Nach längerer Zeit besuchte ich meine Mutter in der Steiermark. Als sie mich sah, schrie sie aus: Oh, mein Gott! Du hast mir ja gar nicht gesagt, dass du einen Unfall hattest. Ich überlegte und ließ die letzten 1 ½ Jahre revuepassieren, als meine Mutter in meine Gedanken platzte: Deine Nase! Hast du sie dir gebrochen?
    Meine Nase hat immer schon so ausgesehen – ich hatte einen Höcker und meine liebe Oma meinte liebevoll: Es tut mir leid, dass du diesen von mir geerbt hast.
    Seit diesem Gespräch mit meiner Mutter „beobachtete“ ich meine Nase zu jeder Gelegenheit, im Spiegel, beim Vorbeigehen an Schaufenstergläser und sogar die Leute starrten STÄNDIG auf meine Nase.
    Wie ging es weiter? Eine Operation aufgrund eines Unfalls und ein spiegelfreieres Leben und die Leute? Die fingen an, wieder auf meine Pickel zu starren – und zwar STÄNDIG.
    Wichtig ist, dass man nur etwas ändert, weil man es selber möchte! Dann ist die Entscheidung für einen Eingriff richtig.

    Reply
  5. dorie
    2 Jahren ago

    Ich wusste echt nicht, dass es sowas gibt. Ich finde deine Entscheidung vollkommen okay. Wenn sowas so sehr auf die Psyche schlägt, ist es in meinen Augen medizinisch notwendig.
    Auch super, dass du das öffentlich gemacht hast. Die einen lernen davon (so wie ich), die anderen verlieren vielleicht ihre Hemmungen über ihr Problem zu sprechen und wieder andere erfahren dann vielleicht erst, was ihr Problem überhaupt ist.
    Ich wünsche dir noch lange weitere Freude mit deinen „neuen“ Beinen.
    Liebe Grüße, Dorie
    http://www.thedorie.com

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Hallo Dorie,
      Ich danke dir vielmals für deinen lieben Kommentar 🙂 ich bin ja auch erst durch instagram auf das Problem gestoßen und ich war da ganz dankbar, als ich endlich eine Erklärung für meine komischen Proportionen hatte.
      Liebe Grüße,
      Julie

      Reply
  6. trallafittibooks
    2 Jahren ago

    Und ich dachte die ganze Zeit beim Lesen nur..
    ..kacke.. hab ich das auch? 😀
    Vielleicht sollte ich mich dahingehend mal beraten lassen.
    Eigentlich stören mich meine Stampfer (wie meine Mama sie liebevoll nennt) nicht.
    Genau, eigentlich.
    Aber dein Beitrag ist gerade so etwas wie ein kleines Augenöffnen für mich, gar ein Minilichtblick am Ende des Dicke-Beine-Tunnels.
    Ohne dieses Aneinanderreiben der Schenkel und diesen schlimmen Knien wäre einiges besser..

    Liebe Grüße und DANKE für diesen wahnsinnig ehrlichen und informativen Beitrag.
    Nicci

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Ui, ich wollt eigentlich nicht bewirken, dass du dich jetzt wegen etwas schlecht fühlst, das dich nicht gestört hat ?
      Also ich muss dir aber tatsächlich sagen, ich bin wie ein neuer Mensch seitdem. Mir geht es so viel besser und ich würde es jederzeit wieder machen. Aber lass dir bitte von mir kein schlechtes Gefühl einreden, das vorher nicht da war ?
      Danke für deinen lieben Kommentar, liebe Nicci!

      Reply
      1. trallafittibooks
        2 Jahren ago

        Ach quatsch!! Ich fühle mich nicht schlecht, alles gut. 🙂
        Es ergab sich nur noch eine Möglichkeit, was es mit diesen Stampfern auf sich haben könnte. Ich sehe das aber insgesamt recht gelassen. Trotz blöder Knie trage ich kurze Hosen und sowas. Ich mache keinen Sport (mehr) und ich ernähre mich nicht wirklich sehr gesund. Aber ich fühle mich wohl. Ich muss mich gedanklich nicht ständig damit auseinandersetzen und habe somit Luft für andere Dinge. Bloggen & Lesen zb. 🙂

        Liebe Grüße <3

        Reply
        1. diemitdemrotenlippenstift
          2 Jahren ago

          Okay, dann ist es gut 🙂
          Ja ich war auch irgendwie erleichtert, als ich von der Krankheit erfahren habe. Endlich eine Erklärung dafür.
          Ich finde es toll, wie du zu dir stehst! Ich war leider nicht so stark, darüber hinwegzusehen. Umso mehr bewundere ich dich dafür.
          LG ❤

          Reply
  7. Lolo
    2 Monaten ago

    Vorab: Ich studiere zwar Medizin kenne mich aber nicht wirklich mit dem Thema Lipödem oder Liphypertrophie aus.
    Ich habe mich nun etwas eingelesen und natürlich kenne ich deinen genauen Fall nicht aber es würde mich sehr interessieren wie du das nun zwei Jahre später siehst. Denkst du immer noch du leidest an einer Liphypertrophie oder glaubst du (und das ist nun meine persönliche Meinung) das es eher deine genetische Anlage dazu ist etwas mehr Fett an den Beinen anzulegen.
    Noch ein zwei Fragen die mich hierzu noch interessieren würden:
    Hattest du damals knotige Veränderungen im Fettgewebe?
    Spritzt du Insulin oder ein sonstiges Medikament das subkutan verabreicht wird?
    Leidest du an Haarverlust?
    Ich hatte nach diesem Artikel einfach das Gefühl, dass der zweite Arzt dich mit einer Diagnose eher von einer Operation überzeugen wollte.
    Danke für deine Antwort und liebe Grüße

    Reply
    1. Julie
      2 Monaten ago

      Hallo Lolo,
      Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Wir legen schon alle in der Familie etwas mehr Fett an den Beinen an. Ob das nichts Krankhaftes, sondern einfach eine simple Veranlagungsgeschichte ist, weiß ich nicht. Ich habe es nicht mehr überprüfen lassen, weil ich das Thema für mich mittlerweile als erledigt betrachte. So wie es jetzt ist, ist es gut.
      Um deine Fragen zu beantworten:
      Von knotigen Veränderungen weiß ich nichts.
      Ich spritze kein Insulin oder sonst irgendwas.
      Haarverlust habe ich manchmal, aber nicht immer. Scheint zyklusabhängig zu sein.
      Liebe Grüße!

      Reply

Leave a Reply