In Column

Und jährlich grüßt das Murmeltier…

… beziehungsweise grüßt jährlich der Bikinikauf. Wie immer trifft mich diese Saison komplett unvorbereitet, obwohl ich ihr seit Weihnachten entgegenfiebere, weil mir die kalten Temperaturen einfach auf die Eierstöcke gehen, sobald es nicht mehr überall nach Glühwein riecht und keine Weihnachtslieder mehr geträllert werden. Jedenfalls kam es auch dieses Jahr wieder so, wie es kommen musste: Ich wurde zum Schwimmen eingeladen und hatte dank Umzug, der im Winter stattfand, keinen einzigen Bikini in Wien.

Wobei das so auch nicht stimmt. Ich hatte ein einziges Bikinioberteil im Schrank, welches ich nur pro forma mitgenommen habe, damit ich im Augarten auch meinen Bauch ein bissl bräunen kann, ohne ganz Wien meine Unterwäsche zu präsentieren – an dieser Stelle lässt sich natürlich darüber streiten, ob ein Bikinioberteil wirklich weniger anstößig als ein BH ist, wo man doch mit beiden ungefähr gleich viel Haut zeigt. Naja.

Jedenfalls hatte ich nur ein Oberteil und mit dem kann ich mich auch schlecht ins Bad oder an die Donau trauen. Oben ohne ist ja teilweise akzeptiert, aber ob unten ohne genauso problemlos funktioniert? Ich wage es zu bezweifeln.

Also kam es, wie es kommen musste: Ich musste einen Bikini kaufen gehen. Eigentlich nicht so schlimm. Ich lebe schließlich wie eine emanzipierte, selbstbewusste Frau des 21. Jahrhunderts nach dem Motto: „Wenn du eine Figur hast und einen Bikini trägst, hast du eine Bikinifigur.“

Ich machte mich also frohen Mutes auf zum Bikinigeschäft meines Vertrauens, schnappte mir drei Oberteile und hatte gleich eine Verkäuferin an mir dran hängen, die mir nicht mehr von der Seite wich, und darauf bestand, mir die Sachen in die Kabine zu tragen – woraufhin ich mich natürlich wieder fragte, ob ich wirklich so schwach wirkte, dass man mir nicht mal zutrauen konnte, drei Bikinioberteile zu tragen. Aber ich verbuchte es einfach mal unter Kundenservice.

Gut, Oberteile anprobiert. Oberteile anprobieren ist das Schönste am Bikinikauf, weil die eigentlich eh immer gut ausschauen. Dank modernster Push-up-Technologien und dank toller Wickeltechniken, die alles ein bisschen zusammenquetschen, entdeckte ich plötzlich Brüste, die vorher nicht in dieser Form vorhanden waren (beziehungsweise in überhaupt keiner Form, aber dafür kann ich zumindest problemlos auf dem Bauch schlafen.)

„Soll ich Hose bringen?“, dröhnte dann die Stimme der Verkäuferin durch den Vorhang.

Und mein persönlicher Albtraum begann.

Mit zittriger Stimme bejahte ich. Leider hatte ich ja nur ein Oberteil zuhause, ich würde also nicht um ein Unterteil herumkommen, wenn ich keine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses kassieren wollte.

„Hast du Medium?“, fragte die Verkäuferin durch den Vorhang und musterte meine Hüften. „Sind aber klein geschnitten!“

Ja, reib’s mir nur unter die Nase.

„Dann nehmen wir L“, sagte ich tapfer. Lieber den Stolz über Bord werfen und eine größere Größe kaufen als den Hüftspeck so richtig hervorquellen zu lassen und dann erst recht deprimiert werden.

Die Verkäuferin drückte mir ein Unterteil in die Hand und verzog sich wieder. Ich presste die Augenlider aufeinander, versuchte, nicht darüber nachzudenken, ob ich gestern auch schon so fette Beine hatte und ob meine Oberschenkel gestern Nacht Sex mit einem Brokkoli hatten, während ich gleichzeitig versuchte, möglichst vorteilhaft da zu stehen und darüber nachdachte, ob diese Diät, bei der man sich nur von Zitronensaft und Cayennepfeffer ernährt, wirklich so schlecht sein kann. Tja, so viel zum Thema Bikinifigur und Body Positivity.

In der Nebenkabine hörte ich eine andere Verkäuferin sagen: „Die steht dir wirklich gut, die macht echt einen super Hintern!“

„Passt Hose?“, rief meine Verkäuferin durch den Vorhang. „Willst du noch andere?“

Nein, verdammt, ich will die andere Verkäuferin, die mir sagt, dass mein Arsch gut aussieht!

Ich begutachtete meinen Hintern in dem äußerst unvorteilhaften Licht der Umkleidekabine und fragte mich ernsthaft, ob ich mir all die Komplimente, die ich bisher zu meiner Kehrseite bekommen hatte, doch nur eingebildet habe. Ich listete in Gedanken alle Menschen auf, die jemals meinen Hintern gelobt haben, und nahm mir vor, sie alle zu schütteln und anzuschreien, weil sie mir Illusionen gemacht hatten, die nun in der Umkleidekabine zu Staub zerfielen.

Ich probierte noch die anderen Bikinihöschen, die mir die Verkäuferin in die Kabine reichte, überlegte nochmal kurz, ob ich wirklich schwimmen gehen wollte oder ob ich nicht nur mit Rock und Bikinioberteil auf der Wiese liegen wollte (wollte ich nicht!), und entschied mich schließlich für das kleinste Übel, mit dem ich zur Kasse schritt, wo mich die andere Verkäuferin, die fleißig Komplimente für anderer Leute Hintern verteilte, fröhlich anlächelte.

Sie scannte das Etikett des Unterteils, sah dann von dort zu mir und wieder zurück.

„Du hast Größe 4?“, fragte sie ungläubig und musterte meinen Oberkörper. Ja, man nennt es Birnenfigur. Sollte man als Verkäuferin eigentlich kennen. Ich freute mich dennoch ein bisschen und grinste sie an. Anscheinend war ich doch nicht so fett, wie mir der Spiegel in der Kabine weismachen wollte.

Doch meine Freude währte nur kurz. Denn daraufhin rief meine Verkäuferin, die mindestens 20 Kilo mehr auf den Rippen hatte als ich, quer durch den Laden: „Ich hab auch Größe 4!“

Und in diesem Moment fasste ich einen wichtigen Entschluss: Für den nächsten Bikinikauf wird die Wasserflasche mit weißem Spritzer gefüllt. Oder Wodka.

 

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

 

Ach ja: Den Bikini habe ich übrigens zuhause nochmal bei Tageslicht und vor meinem eigenen Spiegel anprobiert. Nun habe ich das Vertrauen in die Menschheit und meinen Hintern doch nicht mehr so ganz verloren.

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2 Comments

  1. Wiebi
    3 Monaten ago

    Julie!

    Was für ein … Bikinikauf! Wirklich sehr charmant, die Verkäuferin, die dich „beraten“ hat. Sehr nett. Braucht jede Frau.
    Ich habe vor kurzem auch einen Bikini kaufen dürfen. Frag nicht nach Sonnenschein … Ich kann zwar auch auf dem Bauch schlafen – und es ist keineswegs unbequem – jedoch gehört C der Vergangenheit an … :O Und dann noch in jedem Bikinioberteil der Push-Up des Todes. Selbstverständlich nicht rausnehmbar. Bitte. Bei großen Größen, man erkäre mir, wer das noch braucht? Ich verstehe es immer noch nicht …
    Aber gut.
    Letztendlich haben wir beide einen Bikini gefunden und können (mehr oder weniger) entspannt mit Freunden in den Pool, an den See oder wohin auch immer.

    Liebste Grüße,
    Wiebi

    Reply
    1. Julie
      3 Monaten ago

      Danke für deinen Kommentar, liebe Wiebi!

      Dass man bei so großen Körbchengrößen noch einen Push-up einbaut, habe ich auch noch nie so ganz verstanden. Hauptsache, ich mit meiner Minioberweite finde immer nur welche ohne haha!
      Ich freu mich, dass du doch noch einen Bikini gefunden hast, der dir gut gefällt 🙂

      Liebe Grüße,
      Julie

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