In Personal

Bye bye WG, hallo eigene Wohnung!

„Und du willst wirklich ernsthaft in eine WG ziehen? Warum suchst du dir keine eigene Wohnung? Ich meine, du und WG? Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?“, fragte mich mein Lieblingswiener, als wir zusammen in seiner Küche saßen und Spaghetti aßen. Es war ein warmer Abend Anfang August und ich hatte mich bei ihm einquartiert, um WG-Zimmer in Wien besichtigen zu können, und ungefähr zwei Stunden vor diesem Gespräch hatte ich auch eines gefunden, das mir perfekt erschien. Es war riesig, hell und hatte dieses tolle Fischgrätenparkett.

„Naja, warum auch nicht?“, stellte ich zwischen zwei Bissen eine Gegenfrage. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen außer einem Bagel und war am Verhungern. Er legte kurz seine Gabel weg und sah mich an.

„Ich glaube, die Antwort kannst du dir denken. Um WG-tauglich zu sein, sollte man Menschen mögen.“

„Na und?“, fragte ich, obwohl ich seine Antwort schon kannte.

„Du sagst ungefähr vierzigmal am Tag, wie sehr du Menschen hasst.“ Er legte eine kurze, aber wirkungsvolle Pause ein, um schließlich hinzuzufügen: „Also an guten Tagen.“

„Ich bin überhaupt nicht so asozial, wie du mich gerade darstellst!“, widersprach ich gespielt gekränkt und er grinste mich breit an.

„Du bist auch nicht asozial. Nur so ziemlich der misanthropischste Mensch, den ich kenne.“ Er zwinkerte mir zu und wir aßen unsere Spaghetti auf. Ich wollte es damals nicht zugeben, aber ich fühlte mich herausgefordert. Sollte er doch sehen, wie gut ich das meistern würde. Ich war ganz und gar nicht misanthropisch, ich konnte gut mit Menschen. In die WG würde ich mich schon eingliedern und wir würden eine coole Zeit miteinander haben, davon war ich überzeugt. Seine Skepsis konnte er sich sonst wohin stecken, er würde sich noch wundern.

Und knapp drei Monate später stellte ich fest, dass andere Menschen manchmal doch besser wissen, was gut für einen ist. Mein Traum vom coolen WG-Leben hatte sich zum Albtraum entwickelt. Gleich am Tag meines Einzugs kam die erste Hiobsbotschaft. Ich war gerade mal zehn Minuten in der Wohnung, da erklärte meine Vormieterin: „Es gibt ein Problem – die Hausverwaltung wollte den Hauptmieterwechsel nicht akzeptieren. Ihr müsst leider ausziehen.“

Danach stellte ich sehr schnell fest, dass mein Zimmer zudem keineswegs so schalldicht war, wie mir bei der Besichtigung weisgemacht wurde. „Ne, also man hört hier wirklich nichts!“, wurde mir erzählt. Tja. Entweder hatte hier jemand einen Hörschaden, oder hat das Wort „nichts“ falsch verstanden. Das wurde mir klar, sobald meine Mitbewohnerin am anderen Ende der Wand das erste Mal telefonierte und ich sie trotz laufendem Fernseher hören konnte, als stünde sie direkt neben mir. Fortan fühlte ich mich in meinem eigenen Zimmer nicht mehr wohl, denn ich fragte mich ständig: Wie laut kann ich fernsehen, ohne dass sie weiß, dass ich heimlich peinliche Serien wie GZSZ oder Sturm der Liebe schaue? Weckt mein Wecker sie morgens ebenfalls auf? Wie privat bleiben die Telefongespräche mit meiner Mutter oder dem Finanzamt wirklich?

Ich könnte noch über zahlreiche Situationen erzählen, die mir gegen den Strich gingen. Da war diese Heizung, die nur zwei Temperaturstufen kannte: Sauna und Eishöhle. Da war dieser Minikühlschrank, in dem meine Mitbewohnerinnen fünf identische Pestogläser aufbewahrten, deren Inhalt schon ein eigenes Leben entwickelt hat und niemand auf die Idee kam, sie wegzuwerfen. Es war die Tatsache, dass ich immer die einzige zu sein schien, die Klopapier kaufte und die WC-Steine auswechselte. Oder dass mit der Zeit auch noch die Lampe in unserem Bad ausfiel und sich niemand dafür zuständig fühlte.

Ich fing an, meine Mitbewohnerinnen dafür zu hassen, dass sie morgens das Bad blockierten, Einweg-Essstäbchen in den Geschirrspüler warfen (warum? WARUM?) oder ungefähr zehnmal am Tag mit einer Lautstärke von 60 Dezibel telefonierten. Sie wiederum fingen an, mich zu hassen, weil ich meine Haare bevorzugt um drei Uhr morgens wasche und föhne und den Wasserkocher immer dann entkalkte, wenn sie sich gerade einen Tee kochen wollten. Was mich wiederum sauer machte, weil ja sonst niemand das Entkalken übernahm.

Kurzum, die Situation war eher bescheiden. Und als ich dann merkte, dass sich die Träume meiner schlaflosen Nächte nicht um Ryan Gosling und Konsorten drehten, wie das wohl bei meinen Altersgenossinnen der Fall war, sondern um mich selbst, wie ich das Klo mit der Zahnbürste meiner Mitbewohnerin putze, wusste ich, es konnte so nicht weitergehen und ich beschloss, mir eine eigene Wohnung zu suchen.

Und nach ungefähr zwei Monaten voller Besichtigungen, Gesprächen, Tränen und Recherche habe ich eine gefunden. Traumhaft in Wien-Leopoldstadt gelegen, hell, mit Thermostat und einem Kühlschrank ganz für mich alleine. Mit niemandem, dessen Telefongespräche ich unfreiwillig mit anhören musste und niemandem, der meine unfreiwillig belauschte. Und mit nur unwesentlich höherer Miete, die ich gerne bereit bin in Kauf zu nehmen, wenn ich dafür nur meine Ruhe habe.

Die Moral dieser Geschichte? Es kommt immer so, wie es kommen muss. Wenn ich nicht gleich am ersten Tag die Nachricht bekommen hätte, dass ich sowieso wieder ausziehen muss, wer weiß, wie lange ich dann in einer WG gelebt hätte, die mich unglücklich und noch passiv aggressiver gemacht hätte, als ich es eh schon bin? Vielleicht hätte ich so niemals eine eigene Wohnung gesucht. Nein, viele Dinge machen nur in der Retrospektive Sinn. Und manchmal muss man eben ein wenig auf sein Glück warten und ein paar (Wohnungs-)Frösche küssen.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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12 Comments

  1. Vroni
    12 Monaten ago

    Liebe Julie,
    Es freut mich wirklich sehr zu hören, dass du nun endlich in deine neue Wohnung eingezogen bist und du somit dein eigenes Reich hast! 🙂
    Hol schon mal diverse Informationen zu trendigen Frühstückslokalitäten in deiner Nähe ein. 😉
    Alles Liebe,
    Vroni <3

    Reply
    1. Julie
      12 Monaten ago

      Danke liebe Vroni <3
      Ich hab mich durchaus schon ein bisserl eingelesen, was die Frühstücksmöglichkeiten in der Poldi Town angeht 😀 Müssen wir dann ausgiebig testen!
      Alles Liebe <3

      Reply
  2. Wioleta
    12 Monaten ago

    Ich bin mit 20 in meine erste eigene Wohnung gezogen.sie war klein und hätte eine uralte hässliche Küche. Aber es war mein erstes eigenes Reich und ich denke immer noch an die Zeit zurück die so wahnsinnig cool war 😀
    Ich wünsche dir eine wundervolle Zeit ?

    Reply
    1. Julie
      12 Monaten ago

      Wenn’s das eigene Reich ist, kann man die hässliche Küche doch durchaus akzeptieren, oder? ;D Ich finde, Privatsphäre ist so viel wichtiger als ne schöne Küche oder wahnsinnig viel Platz. Solange man sich seine 39 Quadratmeter mit niemandem teilen muss, hält man das doch gut aus 😀
      Dankeschön 🙂
      Alles Liebe dir!

      Reply
  3. Pialalama
    12 Monaten ago

    Hallo Julie,

    ich hoffe du fühlst dich mit deiner neuen Wohnung jetzt wohler! Ich kannte mal eine, die in ihrer WG morgens nicht duschen , die Wäsche nur an einem bestimmten Tag waschen und den Kühlschrank quasi nur unter Aufsicht nutzen durfte. Die arme ist fast durchgedreht!

    Liebe Grüße,
    Pia

    Reply
    1. Julie
      12 Monaten ago

      Danke liebe Pia,
      Ja, ich fühle mich tatsächlich schon deutlich wohler. Ist einfach toll, wenn man kaum jemanden hört 😀
      Okaaaay, was geht denn bitte in der WG ab? Da hatte ich ja einen richtigen Glückstreffer dagegen. Verstehe ich, dass die Arme da fast durchgedreht ist, ich glaube, ich hätte nach zwei Tagen schon randaliert. Ich hoffe, sie ist aus dieser Horror-WG inzwischen raus?
      Liebe Grüße,
      Julie

      Reply
  4. haflokast
    12 Monaten ago

    Ich kann Dich so gut nach vollziehen. Meine WG Erfahrungen möchte ich nicht missen, aber eine Rentner WG würde ich auch nicht mehr anstreben. Irgendwie ist man niemals alleine. Und es fehlt immer etwas aus dem Kühlschrank. Und ständig ist man mit putzen dran. Eine eigene Wohnung ist das Paradies.
    Möchte Dich aber gerne aufklären, warum auch ich meine Einmalessstäbchen in den Geschirrspüler tue: damit lässt sich wunderbar die Farbe in Farbdosen mischen.
    Viel Glück, Spaß und Freude in Deinem neuen Zuhause.
    Grüßle Stine

    Reply
    1. Julie
      12 Monaten ago

      Danke liebe Stine 🙂
      Das mit den Essstäbchen wusste ich tatsächlich nicht. Klingt aber, wenn man es so betrachtet, zumindest halbwegs logisch. Also danke für die Aufklärung 😀
      Alles Liebe,
      Julie

      Reply
  5. kaddi94
    12 Monaten ago

    Julchen, ich freu mich so für dich, dass du endlich deinen Platz in Wien gefunden hast 🙂
    Für mich wäre ein WG-Leben auch nichts. Und mit Julia kann ich auch nur zusammenziehen, weil ich sie schon länger kenne als mich selbst. 😀

    ich wünsche dir ganz viel Freude mit deiner neuen Wohnung und freue mich schon auf den ersten Besuch.
    Kathilein. <3
    http://sevenandstories.net

    Reply
    1. Julie
      12 Monaten ago

      Danke Kathilein! ❤
      Ja dann hoff ich mal, dass eure Freundschaft dadurch gestärkt wird und nicht kaputt geht ?
      Bussi ?

      Reply
  6. Lisa
    12 Monaten ago

    Oh mein Gott, wie klasse ist bitte dieser Beitrag und warum zur Hölle habe ich deinen Blog nicht schon vorher entdeckt? 😀 ich danke dir dafür und wünsche dir alles alles Gute für die erste eigene Bude! Ich bin genau wie du und kann es deswegen perfekt nachempfinden 🙂

    Viele Grüße und eine schöne Weihnachtszeit
    Lisa

    Reply
    1. Julie
      12 Monaten ago

      Danke liebe Lisa, ich freu mich total, dass du den Weg zu mir gefunden hast! Hoffentlich kann ich dich weiterhin begeistern ?

      Alles Liebe,
      Julie

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