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Öffi-Fahrer, die jeder kennt und hasst

Hach ja, der Öffi-Lifestyle. Fast jedes Mal, wenn ich in einen Bus oder einen Zug einsteige, weiß ich danach, warum ich am liebsten jede noch so kleine Strecke mit dem Auto fahre. Über die Dinge, die ich in Zügen, Bussen und U-Bahnen erlebt habe, ließe sich schon fast ein Buch schreiben. Vor allem über die Personen, die man darin trifft.

#1: Der Kebapmann

Den Kebapmann sieht man nicht – man riecht ihn. Dieses Exemplar eines Öffi-Fahrers setzt sich schon mit Hunger ins öffentliche Verkehrsmittel seiner Wahl, packt den Döner mit extra scharf und viel Zwiebel aus und beißt genüsslich hinein, wobei er ein Odeur verströmt, das auch nach wochenlangem Durchlüften nicht aus den Polstersitzen verschwindet. Aufgrund der Gender Diversity muss man festhalten, dass der Kebapmann durchaus auch eine Kebapfrau sein kann. Außerdem geht das nicht nur mit Döner. Pizza, Leberkässemmeln und gebratene Nudeln sind genauso lästig. Essen in den Öffis ist total okay, Geruchsbelästigung aber nicht!

#2: Die Kaffeefahrer

Ich glaube, fast jeder hatte sie schon mal im Zug in der Nähe sitzen – die vorwiegend älteren Personen, die sich extrem viel zu erzählen haben, dabei auch gerne mal das eine oder andere Achterl trinken und sich in einer Lautstärke unterhalten, die die Schlussfolgerung erlaubt, sie hätten allesamt ihre Hörgeräte zuhause vergessen. Innerhalb weniger Minuten ist man bestens über das Geschehen in ihrem Heimatdorf informiert und weiß, dass „die eigentlich so liebe Maier Sandra jetzt letztens mit neuem Freund nach Hause gekommen ist, der so einen Nasenring hatte“. Und dass der Gruber Hannes seine Hecken schon seit zwei Wochen nicht mehr gestutzt hat. Und man betet beim Zuhören, dass dieser Satz keine Metapher war.

#3: Der superbusy Businessman

Man erkennt ihn am aufgeklappten Laptop und seinem Headset, in das er mit einer Lautstärke reinspricht, die die Kaffeefahrer vor Neid erblassen lässt. „Nein, ich slack dir mal die Zahlen von dem Meeting von letzter Woche, die sind super important. Ja weißt, wir starten ja jetzt eine neue Kampagne. Es geht um Millionen! Und ich hab ja so einen Stress, ich kann’s dir gar nicht sagen, jetzt muss ich ja schon wieder nach Vienna, aber nix mit Big City Life, bin nur am Hackeln. Jetzt ist der Zug auch noch fünf Minuten zu spät aus Salzburg weggefahren, jetzt verschiebt sich mein ganzer Schedule und ich komm noch zu spät ins Office.“  Der superbusy Businessman tritt zudem meist mit Anzug und Krawatte auf, säuft einen Espresso nach dem anderen, um seinen Schlafmangel zu kompensieren und stellt seine Internationalität durch die inflationäre Verwendung von Anglizismen unter Beweis.

#4: Die Fußballultras

Die meiner Meinung nach schlimmsten Öffi-Fahrer sind begeisterte Fußballfans. Man hört sie durch den ganzen Zug grölen, meist stehen sie auch noch im Waggon und blockieren den Weg und saufen tun sie sowieso ohne Ende. Im schlimmsten Fall hat auch noch jemand von denen eine Trommel dabei, auf die sie mit nonexistentem Rhythmusgefühl eindreschen. Das Wort „Rücksichtnahme“ befindet sich nicht in ihrem Wortschatz, dafür wissen sie bestens, was „asozial“ bedeutet und geben sich Mühe, diesem Wort gerecht zu werden.

Mein ultimativer Survival-Tipp für Zugfahrten: Informiert euch vor Fahrtantritt, ob an dem Ort, von dem ihr wegfahrt, oder zu dem ihr hinwollt, ein Fußballspiel stattfindet oder stattgefunden hat und nehmt, sofern das möglich ist, einen früheren oder späteren Zug. Vor allem bei Spielen des SK Rapid Wien möchte ich das wärmstens empfehlen.

#5: Das verliebte Pärchen

„Es keat oanfach viel mehr gschmust“ ist ein österreichischer Satz, der es auf zahlreiche Hipster-Jutebeutel und T-Shirts geschafft und sich zu einem wahren Lebensgefühl entwickelt hat. Manche Pärchen in den Öffis nehmen dieses Credo sehr ernst. Da wird ohne Rücksicht auf andere Fahrgäste geknutscht, was das Zeug hält. Die harmloseren Pärchen, die nur hin und wieder einen kleinen Schmatzer verlauten lassen, aber sich sonst an sich recht ruhig verhalten, finde ich ja noch okay. Sobald diese Schmatzer sich aber zu heftigen Schmusereien ausweiten und man zwischen den feuchten Küssen immer wieder mal ein lautes Stöhnen vernimmt, das alle im Umkreis von zehn Metern erröten lässt, wird’s allerdings nur noch nervig. Leute, nehmt bitte mal Rücksicht auf die Singles!

#6: Familien mit Kreisch-Kindern

Ja, ich weiß, viele finden kleine Kinder unglaublich süß. Und ja, ich weiß auch, dass viele keine andere Wahl haben als mit Kind zu pendeln und dass es total normal ist, dass ein Kind hin und wieder schreit. Das ändert aber nichts daran, dass sie mir im Zug oder im Bus hin und wieder echt den letzten Nerv rauben. Vor allem, wenn ein stolzes Elternteil seinen spuckenden und schreienden Nachwuchs direkt neben mir platziert und ich schon fast wie Spiderman an der Decke klebe, damit seine klebrigen Hände mein weißes T-Shirt nicht erreichen und es mir mit seinen dreckigen Schuhen die Hose nicht versaut. Ich weiß, die Kinder können nichts dafür, die sind zu klein. Aber zumindest von den Eltern darf man doch erwarten, dass die ein bisschen auf ihre Kinder schauen, oder?

#7: Die Möchtegern-Superstars

„Ey yo, I fuck yo momma mothafuckaaaa“, rappt der angehende Möchtegern-Superstar durch die U6 und denkt, er sei der nächste Eminem. Ob jemand seine Gesangseinlagen hören möchte oder nicht, ist ihm egal. Ich denke auch, dass viele durch ihre schalldichten Kopfhörer selbst nicht mal mitbekommen, dass sie nicht nur leise vor sich hinsummen, sondern echt laut durch die Öffis grölen. In London hatten wir ebenfalls ein solches Exemplar hinter uns. In regelmäßigen Abständen hörte man Laute, die man sich sonst nur bei der Geburt eines Walrosses vorstellt und wir stellten schließlich fest, dass sich die nette Lady nur in der Musik ihres iPods verloren hatte. Nicht gerade schön für die Mitreisenden, aber kurzfristig zumindest ganz lustig.

#8: Die Stinker

Wenn es mal nicht der oben angesprochene Kebapmann ist, der die Luft im Zug oder Bus verpestet, ist die Gefahr für die Nase aber leider immer noch nicht gebannt. Denn es gibt viele Menschen, die keinen Döner brauchen, um zu stinken, weil sie es selbst schon gut genug können. Ich wäre ja dafür, dass man verpflichtende Hygienechecks vor Fahrtantritt einführt und den schweißelnden Leuten eine Deodusche verpasst. Oder dass bei der Fahrkartenkontrolle auch ein Geruchscheck durchgeführt wird und stinkende Personen des Wagens verwiesen werden. Es muss sich ja nicht jeder in eine teure Parfümwolke hüllen (sollte man auch nicht, ist genauso widerlich!), aber ein Mindestmaß an Hygiene sollte nicht zu viel verlangt sein. Duschen und Zähneputzen sind wirklich keine Hexerei!

Manchmal hat man Glück und die Öffis sind so leer, dass man keinen dieser Typen dort antrifft. Diese Fahrten sind besonders zu genießen, denn man weiß nicht, wann man so etwas das nächste Mal erlebt. Meine ultimativen Survival-Tipps für längere Öffi-Fahrten sind daher: Schalldichte Kopfhörer, Desinfektionstücher und Mundschutz. So seid ihr für alle Eventualitäten gerüstet.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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8 Comments

  1. Zhunami
    1 Monat ago

    Hahahaha, sehr schön beschrieben. Auch noch gut sind Junggesellen*innen-Abschiedsgruppen.

    Reply
    1. Julie
      1 Monat ago

      Dankeschön!
      Die habe ich auch einmal erlebt, die waren aber ganz lustig und haben uns nen Klopfer ausgegeben 😀

      Reply
  2. Anne Schwarz
    1 Monat ago

    Haha, großartig geschrieben, und so wahr! 😀

    Ich hätte da noch die Spezies der Schulkinder zu ergänzen – die, deren Vorbild die ultra-evil Mothafuckaaa-Fraktion ist, sich dabei aber noch kreischend um den besten Sitzplatz balgen und sämtliche Beschallung aus den Kopfhörern übertönen (man will den Ton selber ja auch nicht so laut drehen, dass das halbe Abteil etwas davon hat).

    Und natürlich die merkbefreiten Mitmenschen, die zur Stoßzeit im Berufsverkehr ihre Tasche auf dem Sitzplatz neben sich deponieren müssen und durch die ganzen im Gang stehenden Mitfahrer förmlich hindurchstarren, sodass man sie erst höflich bitten muss, den Platz doch bitte freizumachen… immer wieder ein Traum.

    Liebe Grüße
    Anne

    Reply
  3. hydrogenperoxid
    1 Monat ago

    Am schlimmsten finde ich wohl den Kebapmann, einfach weil man nicht einfach mal lüften kann.
    Was ich auch schrecklich finde, sind die Personen, die deinen reservierten Platz belegen und sich dann vehement weigern ihn dir abzutreten obwohl du reservierst hast. Da hatte ich schon so einige lautstarke Streits im ICE. Einfach schrecklich nervtötend und so anstrengend.

    Liebe Grüße Anni von http://hydrogenperoxid.net

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  4. Ina
    1 Monat ago

    😭😭😭 Selten so gelacht!!!!! So wahr!

    Reply
  5. Sandra
    1 Monat ago

    Zwischen lachen und nicken und wieder lachen.
    Wirklich super beschrieben. Rund um München gibt es ganz viele dieser very busy Geschäftsleute.

    Und die „LMAA-Generation“ ohne Rücksicht ist auch gut vertreten. Deshalb fahre auch ich, wo es ght mit dem Auto.

    Liebe Grüße an Dich
    Sandra

    Reply
  6. Monatsrückblick #September
    2 Wochen ago

    […] Die mit dem roten Lippenstift – Öffi-Fahrer, die jeder kennt und hasst […]

    Reply

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