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Ich wünsche mir, dass es keinen Weltfrauentag mehr gibt

Weltfrauentag

Zugegeben, ein bisschen Clickbaiting war bei dieser Headline dabei. Aber eigentlich fasst sie mein Gefühl doch recht gut zusammen. Klar, ich freue mich, dass es heute überall Blumen im Angebot gibt und ich beim Kauf von Putzmitteln und Wäscheparfüm so richtig sparen kann. Da bin ich Kapitalistin. Aber ist das Ziel des Weltfrauentags wirklich, zu einem zweiten Valentinstag zu verkommen? Ich denke nicht.

 

Grund zum Feiern?

Heute „feiern“ wir die Hälfte der Weltbevölkerung. Und was passiert? Zahlreiche (pseudo-) inspirierende Postings werden auf Instagram und Facebook geteilt, auf Twitter wird sich kräftig über ebendiese lustig gemacht und morgen hat schon wieder jeder vergessen, dass der Weltfrauentag überhaupt stattgefunden hat. Gut, hin und wieder schleichen sich auch mal richtig gute, sinnvolle Postings dazu, die wirklich zum Nachdenken anregen. Aber größtenteils wird einfach nur den Frauen zu „ihrem“ Tag gratuliert. Und ich denke mir: Was bitte ist das für ein seltsamer Anlass zum Gratulieren?

„Hey, Julia! Gratuliere, dass dein Geschlecht immer noch in so vielen Lebensbereichen benachteiligt ist!“ – Ja, danke, das ist wirklich ein Grund zum Feiern für mich! Ich zelebriere das ungefähr so sehr wie eine Darmspiegelung.

 

Es gibt Verbesserungsbedarf

Es liest sich, als würde ich nur das Negative sehen. Aber ist der Weltfrauentag nicht genau dazu da, um auf immer noch herrschende Missstände aufmerksam zu machen? Klar, hier in unserer westlichen Hemisphäre haben wir Frauen es vergleichsweise eh schon gut. Wir haben ein Wahlrecht, können unabhängig von Männern und unseren Eltern leben und dürfen sogar Auto fahren – auch wenn unsere Kompetenzen diesbezüglich nach wie vor angezweifelt werden.

Ja, es geht uns hier vergleichsweise gut. Aber es gibt nach wie vor gewaltigen Verbesserungsbedarf. Auch hierzulande halten Frauen immer noch zu wenige Führungspositionen, werden bei Bewerbungsgesprächen und Beförderungen benachteiligt, weil sie theoretisch Kinder bekommen könnten und auch hierzulande versuchen fremde Männer, Frauen das Recht auf die Bestimmung über ihren eigenen Körper abzusprechen und Abtreibungen zu verbieten.

 

Bedenkliche Alltagsstrukturen

Aber nicht nur bei solchen großen Themen zeigt sich, dass Handlungsbedarf besteht. Er besteht auch im Kleinen, nämlich in unserem Alltag. Das zeigt sich, wenn die Jungs (ich sage bewusst nicht Männer) damit angeben, wie viele Frauen sie wieder abgeschleppt haben und eine Frau bei derselben Anzahl an Sexualpartnern als Schlampe abgestempelt wird. Es zeigt sich im „Das ändert sich schon noch“, wenn man erzählt, dass man keine Kinder haben möchte, während dieser Satz bei Männern unkommentiert gelassen wird. Es zeigt sich in der Hand, die immer wieder zwischen die Beine wandert, obwohl man bereits „Nein“ gesagt hat. Und jedes Mal wieder zeigt es sich, wenn ein notgedrungen gelogenes „Sorry, ich habe einen Freund“ mehr Respekt erfährt als ein ehrliches „Es tut mir leid, aber ich bin nicht interessiert“.

 

Ich wünsche mir eine Welt ohne Weltfrauentag

Wir haben noch einen langen Weg vor uns. Solange Frauen gegen ihren Willen verstümmelt werden, solange sie in den Köpfen der Gesellschaft als Menschen zweiter Klasse wahrgenommen werden und solange ein Geschlecht das andere kaufen kann, brauchen wir den Weltfrauentag. Wir haben das Glück, in einem Land aufgewachsen zu sein, in dem schon viel Vorarbeit geleistet wurde, doch das Ziel ist noch lange nicht erreicht.

Ich wünsche mir eine Welt, in der man nicht darauf aufmerksam machen muss, dass Frauen genauso ein vollwertiger Teil der Gesellschaft sind, weil es selbstverständlich sein sollte. Wir sind verdammt nochmal 50 Prozent der Weltbevölkerung, und keine buddhistische Familie in einem konservativen, erzkatholischen Tiroler Bergdorf. Ich wünsche mir eine Welt, in der man unabhängig von seinem Geschlecht gleichermaßen respektiert und gehört wird und dieselben Chancen erfährt. Ich träume von einer Welt, in der Frauen nicht um ihren Platz kämpfen müssen – sei es im Parlament oder in der U1, wo jemand sich einbildet, einen halben Spagat auf dem Sitz hinlegen zu müssen (wie die BVG heute so schön getwittert hat: „Nein, dafür gibt’s keine anatomischen Gründe. Und bei DIR erst recht nicht.“).

 

Kurz gesagt: Ich wünsche mir eine Welt, die keinen Weltfrauentag braucht. Weil Frauen jeden Tag gesehen und respektiert werden sollten, nicht nur am 8. März.

 

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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