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Was für ein Scheiß ist eigentlich Selfcare?

Selfcare

„Today is for self care“ – das ist Instagram-Sprache und bedeutet so viel wie: „Ich lass es mir jetzt mal gut gehen.“

Meist liest man diesen Spruch im Zusammenhang mit einem wunderhübschen Bild einer heißen Schokolade mit extra Marshmallows (ohne die wüsste man ja, dass sich bei den meisten zaundürren Influencerinnen keine heiße Schokolade sondern Watte darunter verbirgt). Oder mit einem Vollbad mit viel zu viel Schaum, der jeden normalen Menschen nach wenigen Minuten stören würde. Oder natürlich mit einem wunderhübschen Gesichtsmaskenselfie, das ich nicht mal im besoffenen Zustand posten würde, weil mir dafür dann doch das Selbstbewusstsein fehlt.

Lange Zeit dachte ich mir nichts bei solchen Bildern. Sollen sie doch alle machen, was ihnen taugt. Mir ist ja wirklich egal, was andere tun, solange es mich nicht persönlich tangiert. Und das tut es meist nicht. Kann mir doch egal sein, ob Sarah aus Frankfurt gerade ein Vollbad nimmt oder Caro aus Hamburg sich schon zum dritten Mal in dieser Woche eine Maske ins Gesicht klatscht. Wenn’s euch gut tut, bring it!

Warum ich nun trotzdem einen Beitrag darüber schreibe? Naja, weil ich mittlerweile eben doch mal darüber nachgedacht habe. Gestern wurde mir nämlich klar, wie wenig wir den Begriff „Selfcare“ eigentlich hinterfragen.

Ich hatte gestern nämlich einen richtig miesen Tag, der förmlich nach Selfcare geschrien hat. Ich habe mir seit Juli jeden Tag nur eine Sache gewünscht und gestern habe ich die Nachricht bekommen, dass genau diese eine Sache nicht in Erfüllung gehen wird, dass sich mein großer Traum noch weiter aufschieben wird und ich mal wieder um alles kämpfen muss, was mir wichtig ist. Man liest es schon raus, ich habe förmlich im Selbstmitleid gebadet – für ein richtiges Vollbad fehlt mir ja leider die Badewanne.

Ich wollte mir dann gestern schon eine heiße Schokolade machen, um bei Bachelor in Paradise etwas zu haben, das mich wärmt. Aber irgendwie blieb ich bei diesem einen Gedanken hängen: Ist das wirklich noch Selfcare?

Mir ist aufgefallen, dass der Begriff „Selfcare“ ziemlich kurzfristig gedacht ist. Oder dass er manchmal auch einfach eine Ausrede dafür ist, die Dinge zu tun, die man tun möchte.

Klar, so eine heiße Schokolade kann toll sein und einen kurzfristig wärmen. Und es ist auch absolut richtig, sich eine zu gönnen, wenn man Lust darauf hat. Oder auch mal einen ganzen Tag vor dem Fernseher zu verbringen, wenn man sich danach fühlt.

Aber ist es nicht auch Selfcare, wenn man sich die heiße Schoki verkneift, weil man weiß, dass man sich in seinen Jeans wohler fühlt, wenn sie nicht spannen? Ist es wirklich Selfcare, sich hängen zu lassen und eine Serie nach der anderen zu schauen? Oder wäre es nicht eher Selfcare, seine Wohnung zu putzen, wenn man weiß, dass man sich wohler fühlt, wenn es sauber ist? Ist es Selfcare, sich nach einem harten Arbeitstag in einem Job, in dem man unglücklich ist, ausgelaugt aufs Sofa oder in die Badewanne zu werfen, oder sollte man gerade dann nochmal einen doppelten Espresso exen und aktiv daran arbeiten, die Situation zu ändern, damit es einem langfristig besser geht?

Ich möchte niemandem vorschreiben, wie er sich um sich selber kümmern soll. Allerdings möchte ich auch dazu aufrufen, die Dinge nicht immer nur kurzfristig zu sehen. Ja, es kann richtig gut tun, sich einen Tag für sich zu nehmen und nur Dinge zu tun, die man gerade tun will. Aber wenn man das jeden Tag wiederholt, wird auch die schönste Selfcare-Routine zum Teufelskreis. Deshalb auch mal umdenken: Arbeit kann auch Selfcare sein, wenn sie dazu beiträgt, langfristige Ziele zu erreichen. Und ja, diesen Beitrag tippe ich, während meine Gesichtsmaske einwirkt.

 

Photo by Anna Kolosyuk on Unsplash

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2 Comments

  1. Antonia
    6 Monaten ago

    Bin begeistert genauso seh ich das auch

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    1. Julie
      5 Monaten ago

      Danke liebe Toni!

      Reply

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