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7 Semester Studium – wie sich ein Leben ändern kann

Wir schreiben den 28. September 2013. Der Sommer neigt sich schon dem Ende zu, aber es ist heiß. Ahnungslos, wie warm mir in der Sonne werden würde, ziehe ich meine schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt und eine Jeansweste darüber an. Ich versuche, mich cool zu geben, aber ich habe gewaltigen Schiss. Als ich mich in den Bus setze klopft mein Herz und mit jedem Schritt, den ich mache, wird es schlimmer. Ich habe das Gefühl, jeder starrt mich an. Ich versuche, mich von dem ungleichmäßigen Kopfsteinpflaster nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und vor allem nicht zu stolpern. Zielstrebig richte ich den Blick nach vorne und schreite auf die große Drehtür zu. „Wiwi oder IWW?“, fragt ein Typ gleich, als ich mich auf den Weg zur Aula machen will. „Äh…. IWW“, antworte ich unsicher. Er lächelt: „Dann bist du bei uns. Willkommen auf der Sowi.“

Ja, das war mein erster Tag auf der Uni und ich erinnere mich daran, als wäre es gerade erst gestern gewesen. Wie ich mich damals fühlte, kann ich mit genau einem Wort beschreiben: deplatziert. Dieses Gefühl begann schon in der Tutoriumsgruppe, in der bis auf die zwei männlichen Tutoren nur Mädels waren. Es verschlimmerte sich, als uns die Tutoren erklärten, auf welche Partys man unbedingt gehen müsse und erreichte den ersten Höhepunkt, als ich die einzige war, die den Spritzer ablehnte, den man mir anbot, und stattdessen lieber keinen Alkohol trinken wollte. „Was ist denn falsch mit dir, dass du Red Bull trinkst?“, bekam ich gleich darauf zu hören. Die Tutoren waren nett und quatschten hin und wieder mit mir, aber ansonsten konnte ich mich nicht integrieren und nachdem ich eine Weile schweigend im Gras gesessen und auf mein Handy gestarrt hatte, schlich ich mich davon und war den Tränen nahe. Der Gedanke an Partys und Alkohol löste bei mir ein flaues Gefühl im Magen aus und das ist wohl auch so ziemlich das Einzige, was sich in sieben Semestern Studium nicht geändert hat. Aber sonst hat sich wohl so ziemlich alles verändert.

Wer meine Beschreibung von meinem ersten Tag aufmerksam gelesen hat, dem ist wahrscheinlich eine ganz prägnante Eigenschaft meines Studienanfänger-Ichs aufgefallen: Ich war extrem unsicher. Ich hatte vor jeder Vorlesung, jedem Seminar gewaltige Angst, schließlich kannte ich niemanden. Die Mädels aus dem Tutorium waren mir zwar nicht alle gänzlich unsympathisch (bis auf zwei, und das beruhte auf Gegenseitigkeit), aber viel Kontakt hatten wir nicht. War ich auch nicht erpicht darauf. Ich war dennoch hochmotiviert, Kontakte zu knüpfen und quatschte wahllos Leute an. Wenn mich jemand in einer Vorlesung etwas fragte, fing ich sofort ein Gespräch an. Das klappte mal gut, mal schlecht. Auf diese Weise habe ich meinen jetzigen Freund kennengelernt, also hatte es definitiv etwas Gutes. Der Großteil der Leute aber fand mich seltsam, deshalb habe ich es irgendwann gelassen.

Damals war ich der komische Freak mit den bunten Haaren, der nie was gesagt hat und nur unsicher daneben stand, wenn Leute in einer Gruppe gesprochen haben. Ich war die, die immer Ausreden gefunden hat, um nicht zugeben zu müssen, dass ich einfach so uncool war, dass ich keinen Alkohol trinken wollte. Ich war die, die immer seltsam angestarrt wurde, weil die Leute sie einfach schräg fanden. Ich war die, die immer durch den Hintereingang rein ist, weil sie die Blicke am Sowi-Laufsteg nicht ausgehalten hat. Ich war die, die immer lieber auf der Geiwi sein wollte, weil die Leute dort nicht doof glotzen.

Und was hat sich nun in sieben Semestern geändert? Nun ja, so ziemlich alles. Ich habe keine bunten Haare mehr, ich stehe nicht mehr wie bestellt und nicht abgeholt daneben, wenn mich jemand in eine Gruppe dazu holt. Ich sage nun ganz offen, dass ich betrunken sein nicht cool, sondern peinlich finde und werde dafür respektiert. Den Seiteneingang nehme ich nur mehr, wenn der Haupteingang tatsächlich ein Umweg wäre. Und auf die Geiwi gehe ich nur, wenn es unbedingt sein muss und wenn, dann rege ich mich über die Leute auf, die da blöd im Weg rumstehen, und beschwere mich, weil das auf meiner geliebten Sowi natürlich keiner tut.

Nun sitze ich vor meinem Computer und tippe diese Zeilen. Davor habe ich genervt den Laptop von mir weggeschoben, um kurz darauf den Kopf zu schütteln und mich zu ermahnen, durchzuhalten. Ich hatte keine Lust mehr, aber ich war schon so weit. Es gibt nichts Langweiligeres, als Zitate zu checken und doch musste es sein, damit meine Arbeit nicht schon am PlagScan scheitert. Endlich erreichte ich den letzten Satz. Das Zitat war da, es saß an der richtigen Stelle. Einen Moment lang starrte ich regungslos auf die Zeile. Und dann sprang ich auf, rannte durch die Wohnung und schrie ein glückliches „Ich habe fertig!“

Ja, lange habe ich darauf gewartet, diesen Satz sagen zu können. Ich habe fertig. Zwar widerspricht dieser Satz komplett meiner Vorstellung einer schönen deutschen Sprache, aber es ist mir egal. Ich habe fertig. Und ich bin fertig. Mit den Nerven. Mit allem. Aber noch nicht mit dem Studium. Und die Wahrheit ist, ich möchte damit auch gar nicht fertig sein. Natürlich will ich kein Dieter werden, der seit 42 Semestern Publizistik studiert und noch immer keinen Bachelor hat. Aber ich liebe die Uni und für mich steht fest, dass ich dort noch so lange wie möglich bleiben will. Denn die Uni war nicht nur eine schöne Zeit, es war meine Zeit.

Ja, mein Studium und ich, wir hatten Anlaufschwierigkeiten. Große sogar. Ich habe oft gezweifelt, ob ich das richtige tue und hätte in vielen Vorlesungen einfach nur in Tränen ausbrechen können, weil es mich so gestresst hat, zwischen den vielen fremden Menschen zu sitzen, die alle so anders schienen als ich. Aber jetzt, während ich gerade darauf warte, dass meine Bachelorarbeit fertig gebunden wird, damit ich sie abgeben und einen weiteren Schritt auf meinen ersten akademischen Grad zugehen kann, werde ich wehmütig, wenn ich daran zurückdenke. Ich kann nicht behaupten, dass es mir immer Spaß gemacht hat. Aber ich kann definitiv sagen, dass die Uni alles in allem die schönste Zeit meines Lebens war. Und ich bin unglaublich dankbar.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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25 Comments

  1. Carina
    2 Jahren ago

    Hallo liebe Julie!!
    Du sprichst mir gerade total aus dem HERZEN.
    Jedoch kann ich noch nicht „Ich habe fertig!“ durch die Wohnung schreien. :-S
    Ich muss noch ein Semester erledigen und das fünfte erstmal abschließen.
    Weiteres natürlich meine beiden Bachelorarbeiten (Theorie+Praxis) fertigstellen.

    Wünsche dir, dass du es bald geschafft hast und du einen zu dir passenden Master findest.

    Nach meinen Abschluss wird die Schützenvereinswebseite nochmals modernisiert und mein Blog wird hoffentlich auch online gehen.

    Liebe Grüße,
    Carina.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Hallo liebe Carina,
      Das letzte Semester vergeht am schnellsten, du wirst sehen ? bald darfst du dich auch Bachelor nennen.
      Ich freue mich sehr darauf, deinen Blog anzusehen, wenn er online ist 🙂
      Liebe Grüße,
      Julie

      Reply
  2. anadisaster
    2 Jahren ago

    Ach das ist doch schön zu lesen! 🙂
    Ich bin grade in meinem ersten Semester und da tun solche Worte sehr gut!

    xx Ana http://www.disasterdiary.de

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Oh, toll, was studierst du? ? freut mich, dass dir meine Zeilen ein bisschen Hoffnung spenden konnten!
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende

      Reply
  3. Michaela (bücherlogie)
    2 Jahren ago

    Beim Lesen deiner Zeilen habe ich mich auch an meinen ersten Tag an der Uni erinnert und es ging mir wie dir: ich war unsicher, wusste nicht, was ich von all dem halten sollte und fühlte mich am falschen Ort.
    Zig Jahre später kann ich nicht ohne Stolz behaupten, an meiner Doktorarbeit zu schreiben.

    Dein Beitrag hat mich daran erinnert, wie dankbar man für die Chance sein sollte, studieren zu dürfen. Und natürlich wünsche ich dir die allerbeste Note für die Bachelorarbeit und dass du noch eine schöne Zeit an der Uni verbringen wirst. 🙂

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Wow, von meiner Doktorarbeit bin ich noch etwas entfernt, habe ich aber auch noch vor. Wo schreibst du die, beziehungsweise zu welchem Thema? ?
      Ich finde auch, dass studieren etwas ganz wunderbares ist und ich freue mich über jedes Semester ?
      Ich danke dir! Schönes Wochenende!

      Reply
      1. Michaela (bücherlogie)
        2 Jahren ago

        Ich habe Soziologie studiert und schreibe zum Thema Sozialkapital. Genaueres dann, wenn ich fertig bin, denke ich. 😀
        Was meinst du mit, wo ich sie schreibe?

        Ich hoffe, du hattest ein schönes Wochenende! 🙂

        Reply
        1. diemitdemrotenlippenstift
          2 Jahren ago

          Das klingt ja interessant 🙂
          Sorry, bei uns sagt man “wo schreibst du deine Arbeit?“, wenn man nach dem Fach fragt ?
          LG Julie

          Reply
          1. Michaela (bücherlogie)
            2 Jahren ago

            „Wo“ konnte so vieles heißen, dass ich lieber nochmals nachgefragt habe. 😀
            Ich habe Soziologie studiert, das Thema gehört also auch in diesen Fachbereich. 🙂

          2. diemitdemrotenlippenstift
            2 Jahren ago

            Ja verstehe ich ?

  4. lisas herzwelt
    2 Jahren ago

    Hallo meine liebe:) wunderbarer text..ehrliche zeilen, warme worte..konnte mich in vielem widerfinden..wo hast du studiert?:)
    alles liebe lisa
    http://www.reisezuuns.wordpress.com

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Dankeschön! Es freut mich, dass du dich wiedererkannt hast und ich damit nicht alleine war. Ich habe in Innsbruck studiert, und du? ?
      Alles Liebe und ein schönes Wochenende!

      Reply
  5. Mary
    2 Jahren ago

    Du beschreibst es so, dass man dich und deine deine Gedanken genau nachvollziehen kann. Und ich glaube, dass es vielen so geht, wie dir.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Dankeschön, das freut mich. Und ich glaube auch, dass viele sich am Anfang erst mal verloren auf der Uni fühlen ?

      Reply
  6. jimmynovakin
    2 Jahren ago

    Du beschreibst das Gefühl des Uni-Lebens perfekt.
    Glückwunsch zur Vervollständigung deiner Arbeit, eine tolle Leistung, die du erbracht hast. Ich hoffe sie findet die Anerkennung, die sie verdient 🙂

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Dankeschön ?
      Ob die Leistung echt so toll war, wird sich bald zeigen ? aber ich werde berichten ?
      Schönes Wochenende wünsche ich dir!

      Reply
      1. jimmynovakin
        2 Jahren ago

        Dir ebenfalls 🙂

        Reply
  7. Gingia
    2 Jahren ago

    Danke, du hast mir jetzt echt Mut gegeben. Ich bin zwar erst im dritten Semester, aber habe ein eher anstrengendes, um nicht zu sagen „blödes“ Semester hinter mir. Nun weiß ich aber, dass es ein tolles Gefühl ist, wenn man weit gekommen ist. Danke 🙂

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Ach solche Semester hatte ich auch und lustigerweise war bei mir auch genau das dritte das schlimmste ? danach wird aber meist alles besser! Liebe Grüße!

      Reply
  8. confidentcontradiction
    2 Jahren ago

    Meine ‚Impressionen eines Studienanfängers‘ Texte leben auch im Nachhinein aus einigen der Erkenntnisse die du gewonnen hast. Gute Text! Toller Blog! 🙂 Dem folge ich doch glatt und lese in den VOs die mich zu sehr langweilen 😉

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Danke, das freut mich sehr! Ich hoffe, ich kann deine langweiligen Vorlesungen etwas erheitern ?

      Reply
  9. sunnysideofjobandlife
    2 Jahren ago

    Ich bin seit fast einem Jahr jetzt fertig mit meinem Studium und kann dir nur empfehlen, wenn es die Möglichkeit gibt länger dort zu bleiben, bspw. Master, dann nutze sie. Die Arbeitswelt holt einen so schnell ein und lässt einen nicht mehr raus. Auch wenn es schön ist endlich Geld zu verdienen, die Studienzeit ist unvergesslich.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Das werde ich, ich fang nächstes Semester ein neues Studium an, weil ich das studieren mag 🙂
      LG Julie

      Reply
  10. zwanzigdarling
    2 Jahren ago

    Wow, ich bin gespannt, vielleicht ist ja auch studieren nichts für mich. Aber toller Beitrag, vielleicht magst du mal bei mir vorbeischauen. Bin gerade neu. zwanzigdarling.wordpress.com

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      2 Jahren ago

      Danke dir! Wenn ich dir einen kleinen, gut gemeinten Tipp für die Zukunft geben darf: stell dich und deine Themen vielleicht kurz vor und sag mir, warum sie für mich interessant sein sollen. Dann stehen die Chancen, dass andere bei dir vorbeischauen, besser. So wirkts eher wie einfaches Linkbuilding als ehrlich gemeintes Interesse 😉

      Reply

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