In Personal

Ich kann nicht mehr – warum ich nicht mehr hormonfrei verhüten will

hormonfrei verhüten

Hä? Die Headline kennt man doch sonst anders! Aber ich habe mich nicht verschrieben. Ich schwimme bekanntlich gerne mal gegen den Strom – und das werde ich auch an diesem Punkt tun. Eigentlich verhüte ich momentan mit meinem Gesicht und meinem Charakter und das klappt wunderbar. Aber es kann nie schaden, sich doppelt und dreifach abzusichern, vor allem, wenn man so ein riesiger Kinderfan ist wie ich (Achtung, Sarkasmus). Aber ich greife vor.

 

Es fing an mit der Pille …

Die Pille bekam ich mit 15 verschrieben. Nicht, weil ich so früh dran war, haha, Gott bewahre. Nein, ich bekam sie, weil ich zu wenig Östrogene produzierte und der Arzt damals meinte, dass das meine Fruchtbarkeit beeinträchtigen könnte. Keine Ahnung, ob meine jetzige Frauenärztin da zustimmen oder den Kopf schütteln würde. Damals habe ich jedenfalls die Pille genommen.

Nachdem ich ganz schrecklich zugenommen habe, habe ich den Arzt gewechselt und bin auf eine andere Pille umgestiegen, die ich deutlich besser vertragen habe. Und bei der bin ich jahrelang geblieben. Mir ging es nie schlecht damit. Die tägliche Einnahme war auch kein Problem, weil ich sowieso jeden Morgen meine Schilddrüsentabletten schlucken muss. So weit, so gut.

 

… und dann kam die Spirale

Und dann begann im Jahr 2016 die Welle des Pilleabsetzens. Plötzlich setzte irgendwie jeder die Pille ab und predigte, wie sehr es ihr Leben verändert hatte. Und dass man gar keine Ahnung hat, wie sehr einen die Pille eigentlich beeinträchtigt, wenn man sie nicht mal abgesetzt hat.

Dann dachte ich nach. Ich dachte nach und irgendwann war ich von den ganzen Artikeln so gebrainwashed, dass ich auf den Zug aufspringen wollte. Da ich damals noch in einer festen Beziehung war und daher die Gesicht-und-Charakter-Verhütungsmethode mit einem ziemlich hohen Pearl Index verbunden gewesen wäre, musste eine andere Möglichkeit her. Ich las haufenweise Artikel im Netz, wägte die Vor- und Nachteile ab und irgendwann dachte ich mir: Scheiß drauf, versuchen wir’s eben mit der Goldspirale.

Beim nächsten Frauenarzttermin sprach ich meine ehemalige Gynäkologin darauf an. Sie führte die notwendigen Untersuchungen durch, sagte, dass es passt, und wir vereinbarten einen Termin. Gerade mal einen Monat später lag das Ding in meiner Gebärmutter.

 

Autsch.

Darüber, dass das Einsetzen einer Spirale wehtut, brauchen wir wohl nicht lange reden. Es tat auch in den darauffolgenden Tagen weh, aber meine Euphorie dämpfte den Schmerz. Denn was ist schon Schmerz im Vergleich zu dem tollen, neuen Lebensgefühl, das mich erwarten würde?

Bei der ersten Regelblutung kam der richtige Schock: Ein Schlachthof war nichts dagegen, was meine Gebärmutter da veranstaltete und ich fühlte mich auch so, als würde mich jemand von innen aufschneiden. Mein Uterus spielte eine Folge von Game of Thrones nach, ich aß Ibuprofen wie M&Ms und es wurde nicht besser. Bisher war ich noch nicht überzeugt. Aber ich spielte es herunter. Würde schon besser werden.

 

Bye bye reine Haut!

Die Schmerzen konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch irgendwie aushalten. Was wirklich schlimm für mich war, war die Veränderung meiner Haut. Als ich die Pille genommen habe, hatte ich immer eine super Haut. Hier und da mal ein Pickel, aber sonst keine Auffälligkeiten.

Und ein halbes Jahr lang blieb es auch so.

Und dann holte mich die Pubertät ein.

Ich sah innerhalb kürzester Zeit aus wie ein Teenager. Und das nicht, weil ich mir mein jugendliches Aussehen auch im hohen Alter von damals 21 bewahrt habe. Sondern weil mein Gesicht von dicken, fetten Eiterbeulen übersäht war, die das beste Makeup nicht mehr überschminken konnte. Und wenn ich es doch mal versuchte, bekam ich durch das Makeup gleich noch mehr Pickel.

Es ging so weit, dass ich jedes Mal kurz vor einem Weinkrampf war, wenn ich in den Spiegel sah – und nicht selten fing ich auch an unkontrolliert zu schluchzen, weil ich mich so vor meinem malträtierten Gesicht ekelte.

Dank meinem wunderbaren Hautarzt in Wien und einer Ciscutan-Therapie ist meine Haut nun wieder auf dem besten Weg, ganz die Alte zu werden. Dass das aber natürlich mit zusätzlichen Kosten und Nebenwirkungen verbunden ist, versteht sich von selbst. So kann ich beispielsweise keinen Lippenstift mehr tragen, weil meine Lippen so trocken sind. Aber für eine pickelfreie Haut nehme ich dieses Opfer mit dem größten Vergnügen auf mich.

 

Die neue Diagnose

Dieses Jahr war es mal wieder so weit: Die jährliche Kontrolluntersuchung stand an. Meine Frauenärztin in Innsbruck war allerdings für die nächsten drei Monate ausgebucht. So lange wollte ich nicht warten, deshalb suchte ich mir eine Ärztin in Wien. Schon in dem Moment, als ich ihre Praxis betrat, wusste ich, dass ich sie mochte. Wir plauderten ein bisschen über meinen Zustand („Hat sich Ihr Geschlechtspartner seit dem letzten Abstrich geändert?“ – „Mein was?“) und gingen dann zum Ultraschall. Ich war entspannt, denn sonst war ja auch immer alles okay.

„Sie haben eine Gebärmutterfehlbildung“, sagte sie dann plötzlich und ließ mich hochschrecken.

„Bitte was?“, fragte ich. „Was bedeutet das?“

„Die Spirale kann nicht optimal liegen und bietet keinen ausreichenden Schutz. Und weil sie so suboptimal liegt, kann es auch sein, dass Sie solche Schmerzen haben.“

„Was würden Sie an meiner Stelle tun?“

„Ich hätte Angst. Ich würde sie entfernen.“

Anstatt nach dem Termin die U-Bahn zu nehmen, lief ich von Döbling bis zur Uni, um den Kopf freizukriegen. Ich zündete mir eine Zigarette an und war kurz davor, mir irgendwo einen Schnaps zu kaufen. Die Gynäkologin beriet mich noch ein bisschen hinsichtlich meiner Möglichkeiten und sagte mir, ich sollte darüber schlafen und in Ruhe entscheiden. Sie würde mir allerdings empfehlen, mich nicht mehr allein auf die Spirale zu verlassen.

 

Ich kann nicht mehr hormonfrei verhüten.

Schon wieder war es an der Zeit, das Für und Wider abzuwägen. Ich redete mit meiner Mama darüber und ihre erste Reaktion war: „Raus mit dem Teil.“

Da ich dank der Aknetherapie das Hautproblem in den Griff bekommen habe, hatte ich nur noch mit einem Problem zu kämpfen, das mir jeden Monat auflauerte. PMS kannte ich zu Pillenzeiten nur aus Geschichten, nun erlebte ich es am eigenen Leib. Fressanfälle, Heulkrämpfe, das volle Programm. Abgesehen davon, dass ich die ersten drei Tage der Regel nur mit einer Überdosis Schmerzmitteln und einer 24/7 um Bauch und Rücken geschnallten Wärmflasche erträglich gestalten konnte. War in diesem Sommer besonders lustig. Besonders wenn ich auf Urlaub fahren wollte und dann von der roten Armee überfallen wurde.

Von der vielfach propagierten positiven Auswirkung auf die Psyche merkte ich auch überhaupt nichts. Wenn überhaupt, ging es mir nicht besser, sondern schlechter. Kann sein, dass es an der ständigen Angst vor der Regel lag. Davor, dreimal in der Nacht aufstehen zu müssen, um nicht mein ganzes Bett vollzubluten. Vor den Schmerzen, die mich am Atmen hindern.

Ich schlief nicht mehr drüber. Ich habe zwei Jahre lang gelitten. Es ist genug. Ich griff zum Hörer und vereinbarte einen Termin, um die Spirale ziehen zu lassen. Und jetzt zähle ich die Tage.

 

Bitte nicht falsch verstehen, ich will niemandem eine Lüge unterstellen! Ich glaube es den Mädels, wenn sie sagen, dass es ihnen ohne Pille besser geht – und natürlich gönne ich es jeder einzelnen, nicht mehr unter ihrem Verhütungsmittel leiden zu müssen! Und genau das will ich auch nicht mehr. Ich will nicht mehr leiden. Und vor allem kann ich nicht mehr.

Mag sein, dass das Absetzen der Pille die beste Entscheidung eures Lebens ist – für mich hat es sich leider als schlechte Entscheidung erwiesen. Das ist individuell und kann leider nur durch Trial-and-Error herausgefunden werden. Ich für meinen Teil habe mich entschieden: Nie mehr Goldspirale! Und wenn ich für immer mit meinem Gesicht verhüten muss.

 

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

Share Tweet Pin It +1
Previous Post6 Gründe, warum Single sein super ist

6 Comments

  1. Magdalena
    2 Tagen ago

    Hallo liebe Julie,
    vielen Dank für deinen ehrlichen Bericht – und tut mir leid, dass du mit der Spirale diese Erfahrung machen musstest. In einigen Dingen kann ich dir da zustimmen: Nach dem Absetzen der Pille spielte meine Haut auch total verrückt und ich war wieder Teenager – und das mit fast 30! Und auch das Blutbad während der Periode kenne ich.

    Allerdings hat sich beides mittlerweile super gut bei mir eingependelt, ich trage mittlerweile meine 2 Spirale und meine Frauenärtzin würde mich gerne als Referenz nutzen, weil die Spirale so gut sitzt 🙂

    Es ist wirklich schade, dass das nicht bei jeder Frau so sein kann, denn ich fühle mich ohne die täglichen Hormone tatsächlich besser. Umso wichtiger ist es aber, dass du auf deinen Körper und deine Frauenärtzin hörst und für dich die richtige Entscheidung fällst!

    Alles Gute und ein kleiner Trost: Das Entfernen der Spirale ist nicht halb so schlimm wie das Einsetzen 😉

    Lieben Gruß
    Magdalena

    Reply
    1. Julie
      2 Tagen ago

      Hallo Magdalena,
      Vielen Dank für deinen lieben, ausführlichen Kommentar! 🙂

      Es freut mich total für dich, dass du dich ohne die Hormone besser fühlst! Wie gesagt, ich gönne das echt jeder Frau!
      Ich hatte am Anfang auch die Hoffnung, dass es sich schon noch einpendelt, aber wenn es das nach zwei Jahren nicht getan hat, habe ich keine große Hoffnung mehr, dass da noch was passiert oder alles noch besser wird.
      Und dass das Entfernen halb so schlimm ist, beruhigt mich wirklich sehr! 😀

      Alles Liebe,
      Julia

      Reply
  2. Bettina
    2 Tagen ago

    Du hast einfach ein bisschen Pech mit deiner Gebärmutter, die sich offensichtlich nicht dafür eignet, eine Spirale darin aufzubewahren. Gut, dass es entdeckt wurde. Aber warum hast du dich eigentlich so lange gequält (2 Jahre waren es, oder?)
    Und jetzt ist es doch gut zu wissen, dass du die Hormonalternative gut verträgst. Das könnte ja auch anders sein. Dann könnte man(n) zwar immer noch auf Kondome zurück greifen, aber ich persönlich verstehe jede Frau, die das dann doch nicht ausschließlich möchte 😉
    Alles Gute für dich,
    🙋 Bettina

    Reply
    1. Julie
      1 Tag ago

      Hallo Bettina!
      Ja, ich hatte wirklich Pech damit. Das hat mich viel Geld und auch einige Schmerzen gekostet. Die Quälerei habe ich auf mich genommen, weil ich gedacht habe, dass der Schutz gegeben ist und es mir zu schade war, 400 Euro in den Wind zu schießen 😀
      Auf Kondome greife ich im Ernstfall sowieso zurück, weil ich sehr paranoid bin, was eventuelle Geschlechtskrankheiten angeht 😀 Wie gesagt, ich schwöre auf dreifache Verhütung: Kondome, Hormone und Charakter 😉
      Dir auch alles Gute!

      Reply
  3. Franzi
    1 Tag ago

    Das ist ja schade und ärgerlich. Vor allem weil die Spirale ja auch nicht gerade billig ist. Ich hatte da damals Glück beim Wechsel auf die Kupferspirale. Die ersten Monate waren sehr ähnlich wie bei dir. Unterleibsschmerzen und Blutschwälle aus der Hölle, aber nach ein paar Monaten hat sich das eingependelt, auch wenn ich immer leichte Unterleibsschmerzen behalten habe, was ich auch vor der Pille nie hatte. Meine Haut ist ein ganz anderes Thema. Meine Haut denkt ich bin 15 und nicht 24. Für mich war es trotzdem die richtige Entscheidung. Will nicht mehr zurück zur Pille. Habe die Spirale inzwischen ziehen lassen, weil ihre Funktion gerade nicht mehr erwünscht ist (😂) und war super überrascht wie sehr man tatsächlich auch mit dem eigenen Zyklus im Einklang sein und theoretisch auch dadurch verhüten könnte. Schwanger werden ist irgendwie schwieriger als ich dachte.

    Reply
    1. Julie
      1 Tag ago

      Ja, ums Geld trauere ich ehrlich gesagt auch ein bisschen 😀
      Wenn sich das mit der Haut nicht legt, empfehle ich dir wirklich aus ganzem Herzen einen Hautarztbesuch. Mein Hautarzt hat mein Leben wieder zum Positiven verändert und ich hätte ihm nach einem Monat fast einen Heiratsantrag gemacht deshalb, haha 😀
      Ich freue mich sehr, dass es für dich die richtige Entscheidung war!
      Verhüten durch Kenntnis des eigenen Zyklus ist mir viel zu riskant, ich will (zumindest jetzt und in einem sehr langen Zeitraum) keine Kinder. Aber wenn es einem nichts ausmacht, theoretisch schwanger werden zu können, spricht da natürlich nichts dagegen 🙂
      Ich wünsche dir alles Gute!

      Reply

Leave a Reply