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Ich fühle mich diskriminiert!

Lasst uns heute mal über ein allgegenwärtiges Thema sprechen: Diskriminierung. Keine Sorge, ich werde euch nun nicht predigen, dass Frauen so arg von Männern dominiert werden oder dass Ausländer auch nur Menschen sind (wir alle sind übrigens Ausländer, sobald wir über die Grenze nach Italien fahren. Just saying). Nein, ich möchte heute eine Art der Diskriminierung ansprechen, die genauso allgegenwärtig ist, aber 90 Prozent der Bevölkerung nicht betrifft – mich aber schon. Ich fühle mich diskriminiert – denn ich bin Linkshänderin!

 

Die Anfänge der Linkshänder-Diskriminierung

Es fängt schon in der Schulzeit an. Die anderen Kinder meiden Linkshänder wie der Teufel das Weihwasser. Niemand will neben einem sitzen – und wenn, dann soll man sich gefälligst auf die linke Seite setzen, damit man den armen Rechtshändern nicht beim Schreiben den Ellbogen reinrammt. Die Lehrer trugen zu meiner Zeit übrigens einen sehr großen Teil dazu bei. Schon an meinem ersten Schultag wurde verschwörerisch in die Runde gefragt: „Wer ist denn hier Linkshänder?“

Die Linkshänder – unter anderem auch ich – hoben die Hand. Vorerst nicht ohne einen gewissen Stolz, da man schließlich in der Unterzahl und damit etwas Besonderes war – nicht so wie die langweiligen Mainstream-Rechtshänder. Bis zu dem Moment, in dem die Lehrerin sagte: „Dann setzen sich die Linkshänder bitte ans linke Ende der Reihe, damit ihr euch nicht gegenseitig beim Schreiben behindert.“

Danke, Frau Müller, so schnell ist man ein Aussätziger! Meine gesamte Volksschulzeit über wurde ich also auf die linke Seite verbannt und niemand wollte neben mir sitzen. Und das nicht mal, weil ich einen beschissenen Charakter hatte – das hätte ich ja noch verstanden. Sondern aufgrund einer Eigenschaft, für die ich nichts konnte.

Übrigens: In meiner Gymnasiumzeit saß ich, rebellisch wie ich war, meist in der Mitte der Reihe. Es hat sich nie jemand von meinem Linkshänderdasein gestört gefühlt und ich habe auch keinen armen Rechtshänder beim Schreiben mit meinem aggressiven Linkshänderellbogen terrorisiert. Just saying.

 

Linkshänder und ihre Sauklaue

Aber damit hört es ja noch nicht auf. Es geht weiter mit diesen wunderbaren Schreibblöcken, die auf Rechtshänder ausgelegt sind. Dann wurde man wieder stigmatisiert, weil wir nun mal in einer Gesellschaft leben, in der man von links nach rechts schreibt – und wenn die Tinte beim Trocknen nicht schnell genug war, ist da schon mal was verschmiert, und wir Linkshänder wurden als die Assi-Kinder mit der Sauklaue verschrien, die keinen ordentlichen Satz schreiben konnten. Einer der wenigen Momente, in denen ich es bedauerte, dass nicht Arabisch sondern Deutsch meine Muttersprache war. Hat meiner deppaten Volksschullehrerin damals übrigens überhaupt nicht gepasst, dass meine Rechtschreibung immer on point war, denn so konnte sie mir trotz ihrer Abneigung gegen meine Schrift keine schlechten Noten geben. Ha! Der häufigste Satz, den ich unter meinen Deutscharbeiten lesen durfte, war: „An sich gut, aber bitte schöner schreiben!“ Irgendwann wurde es so schlimm mit meiner Schrift, dass die Höflichkeitsfloskeln abgelegt wurden und nur noch ein großes, rotes: „SCHÖNER SCHREIBEN!!!“ unter meinen Aufsätzen prangte.

Und wenn dann die ganze Klasse über mich lästerte, weil ich die hässlichste Schrift der ganzen Schule hatte, sah man wieder auf mich herab und es wurde verschwörerisch getuschelt: „Das macht sie nicht mit Absicht… Sie ist Linkshänderin.“

 

Ihr seht, meine Kindheit war durchaus traumatisch. Ich übte, mit Rechts zu schreiben, um dieser allgegenwärtigen Diskriminierung zu entgehen. Mit dem Effekt, dass meine Schrift nur noch hässlicher aussah. Irgendwann kommt jedoch der Punkt, an dem man begreift, dass man mit den Dingen arbeiten muss, die man hat. Und ich habe nun mal ein ausgeprägtes Linkshänder-Gen. Scheiß drauf.

 

Linkshänder-Diskriminierung im Alltag

Aber im Alltag merke ich immer noch, dass es Dinge gibt, die in unserer Welt einfach auf Rechtshänder zugeschnitten sind. Die Gangschaltung in einem normalen, nicht-englischen Auto zum Beispiel. Weiter geht’s mit der Ausgusskerbe eines Schöpflöffels, die meist ausschließlich rechtshänderfreundlich platziert ist, wodurch man als Linkshänder zwangsläufig ein riesiges Chaos in der Küche verursacht (hier möchte ich Ikea als positives Beispiel erwähnen, weil die Schöpflöffel hier auf beiden Seiten eine Kerbe haben – Top!). Und habt ihr als Linkshänder schon mal versucht, auf einer normalen Gitarre zu spielen? Forget it. Von diesen grauenhaften Stuhl-Tisch-Dingern auf der Uni, die die Mini-Tischplatte kategorisch auf der rechten Seite platziert haben und es somit für Linkshänder unmöglich machen, einen einzigen Satz zu schreiben, ohne sich das Kreuz auszurenken, will ich gar nicht erst anfangen.

 

Jeder zehnte Mensch ist Linkshänder. Unabhängig von seiner Herkunft, seiner Hautfarbe oder seinem Geschlecht. Aber eines haben wir gemeinsam: Wir haben es im Alltag oft ein bisschen schwerer. Fakt ist, dass viele Dinge auf Rechtshänder zugeschnitten sind und viele keinen Gedanken daran verschwenden, dass ein Zehntel der Bevölkerung Probleme mit der Handhabung haben könnte – oder dass die offenbaren „Probleme“ überdramatisiert werden, siehe Lehrer in der Volksschule. Ich als Linkshänderin finde das, gelinde gesagt, ziemlich scheiße.

 

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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2 Comments

  1. Lisa
    2 Monaten ago

    Also ich mag linkshänder! Meine mama, schwester und cousine sind linkshänder (mama wurde noch umgeschult mit hand anbinden und so)… und ich wollt immer linkshänderin sein! Allerdings stell ich mir das im alltag schwer vor, wenn alles auf rechts ist. Meine handarbeitslehrerin hat den „linkis“ immer gesagt, pech gehabt, musst halt umlernen… so arg.
    Also, linkshänder: ich find euch toll und alle linkshänder die ich kenne, haben ne wunderschöne handschrift?

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  2. Armita
    2 Monaten ago

    Glaubst du lb julie dass jeder Arzt linkshändler ist ? ?

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