In Work & Study

Will ich wirklich Journalistin sein?

Es ist bereits wieder über eine Woche her, dass ich Berlin verlassen habe. Ich denke, alle, die auf dieser Exkursion dabei waren, sind mit neuen Erkenntnissen zurückgekommen. Manche haben immer noch ganz fasziniert die deutsche Medienlandschaft vor Augen und glauben, sich nun besser damit auszukennen. Andere haben vielleicht erkannt, dass sie von Politik fasziniert sind. Vielleicht haben manche auch einfach nur festgestellt, dass es keine gute Idee ist, Wein und Bier miteinander zu kombinieren (Ich hebe an dieser Stelle schuldbewusst die Hand). Aber neben dieser letzten Erkenntnis ist es vor allem eine Frage, die mich in der Heimat angekommen stetig begleitet: Will ich wirklich Journalistin sein?

Bevor ich meine Ausbildung zur Journalistin begonnen hatte, war die Sache für mich so klar wie das Wasser an der slowenischen Küste: Ich wollte in den Printbereich und Menschen über das Tagesgeschehen aufklären. Ich wollte auf Pressekonferenzen gehen, meine Streberbrille zurechtrücken und kluge Fragen stellen, die die eingebildeten Politiker so richtig in die Scheiße reiten würden. Dann würde ich dieses Wissen zu klugen, pointierten Artikeln verarbeiten und irgendwann den Pulitzer Preis dafür gewinnen.

Und nicht nur für mich war meine berufliche Zukunft beschlossene Sache, sondern auch für mein Umfeld. Jedes Mal, wenn ich erzählte, dass ich als Journalistin arbeitete, hörte ich Sätze wie: „Boah ja, das passt so gut zu dir!“

Doch schon während meiner Ausbildung zur Journalistin habe ich immer wieder festgestellt, dass ich anders war als die anderen Teilnehmer. Ich war ruhiger, zurückhaltender, weniger engagiert, aber wollte dennoch irgendwo dazugehören, weshalb ich mit dem Strom schwamm. Ich traue mich zu behaupten, dass ich mich in den zwei Jahren seitdem sehr verändert habe. Ich bin offener geworden, stehe zu meiner Meinung, auch wenn ich die einzige bin, die sie vertritt, und gehe mehr aus mir heraus – und merke sogar, dass ich gar nicht so schlecht darin bin, Kontakte zu knüpfen, wie ich immer gedacht habe. Und es macht mir sogar Spaß (ja, ich hätte selber nie gedacht, dass ich das mal sagen würde).

Jedenfalls waren schon damals in der Ausbildung die Unterrichtseinheiten stets von einem unguten Gefühl im Bauch begleitet. Die einzigen Bereiche, in denen ich mich wirklich und wahrhaftig wohlgefühlt habe, waren die übers Bloggen und die Fotografie – welch Wunder. Ansonsten war der einzige Gedanke, der mich jeden Tag und jede Stunde begleitet hat: Was genau mache ich eigentlich hier? Ich passe hier doch gar nicht rein. Eingestehen konnte ich mir das erst vor kurzem. Ich habe es stets bewundert, mit welchem Wissen (oder zumindest mit welchem vorgegebenen Wissen) sich meine Kollegen über angeblich gesellschaftlich relevante Themen austauschten, von denen ich noch nie gehört hatte. In fast jeder Stunde wurde mir bewusst, wie wenig ich über viele Geschehnisse in der Welt wusste – und vor allem, wie egal mir diese Tatsache war.

Als ich dann in verschiedene Bereiche des Journalismus reinschnuppern durfte, stellte ich fest, dass ich mir auch all die Jahre lang ein falsches Bild von Journalisten gemacht hatte. In meiner Vorstellung waren das coole, schicke, junge Leute, die total auf Zack waren und ständig an neuen, spannenden Stories arbeiteten. Die Realität sah anders aus – ich lernte extrem viele angegraute, gelangweilte Menschen kennen, die nur auf Pressekonferenzen gingen, weil es dort gratis Kaffee und manchmal auch Brötchen gab (und nein, das ist keine Unterstellung, viele geben das ganz offen zu). Außerdem liefen die meisten von ihnen jedes Mal, als ich sie sah, im selben verwaschenen Kapuzenpulli und denselben ausgelatschten Sneakers herum. Das hat aber vor allem einen Grund, wie viele Berufskollegen und ich schmerzhaft erfahren mussten: Journalistische Arbeit wird extrem mies bezahlt.

(c) Daniel Jarosch

Und auch das ist so ein Punkt, der mich daran zweifeln lässt, ob das wirklich meine Zukunft sein soll. Mir ging es nie wirklich schlecht. Meine Eltern haben immer dafür gesorgt, dass es mir an nichts fehlt, wofür ich extrem dankbar bin. Meine Mama hat mir außerdem schon früh beigebracht, wie man auf sein Geld schaut. Ich habe immer versucht, zu arbeiten und zu sparen und auch, wenn ich mir etwas locker leisten kann, überlege ich immer noch zweimal, ob ich es tatsächlich kaufen soll – könnte ja mal was passieren, wofür ich das Geld dringender benötigen könnte.

Zwar würde ich mich selbst absolut nicht als materialistisch bezeichnen, aber, und das gebe ich offen zu, finanzielle Sicherheit ist mir wichtig. Und ich bin nicht bereit, jede Woche 40 Stunden meines Lebens (und tendenziell bleibt es im Journalismus selten dabei) zu opfern, um danach am Monatsende 1.300 Euro netto dafür zu bekommen – und das ist keine herbeigesponnene Zahl, sondern ein wahres Journalistengehalt! Und ja, es liegt unter dem Mindestlohn. Will ich wirklich mein Leben lang jeden Cent zweimal umdrehen, mir niemals eine Eigentumswohnung leisten können und meine Urlaube auf Balkonien verbringen, nur weil ich in einem mies bezahlten Job festsitze, der mir vielleicht nicht mal so viel bedeutet, wie ich immer dachte? Ehrlich gesagt – nein.

Ich habe Glück. Ich bin jung. Noch kann ich das Steuer herumreißen und mein Leben in die Hand nehmen. Ich muss nicht mein Leben lang in einer Redaktion sitzen, in der es nach Zigarettenrauch und Perspektivlosigkeit stinkt. Es mag sein, dass ich einfach nur besonders schlechte Erfahrungen gemacht habe und dass die Arbeitsbedingungen bei anderen Magazinen und Zeitungen wirklich deutlich besser sind. Ja, ich denke sogar wirklich, dass es auch absolute Positivbeispiele gibt und ich bin auch gerne bereit, mich in dieser Hinsicht noch überraschen zu lassen.

Aber ich bleibe dabei: Ich kann mich mit dem klassischen Mitte-50-jährigen Journalistentyp, der gelangweilt auf Pressekonferenzen sitzt, im Wechsel Zigaretten und Kaffee inhaliert und in seiner Freizeit über TTIP, Innenpolitik und den Klimawandel fachsimpelt, nicht identifizieren. Ich dachte, das würde sich noch ändern. Schließlich traute mir jeder zu, in diesem Beruf richtig zu sein, und wie viele Menschen konnten sich gleichzeitig in meiner Person täuschen? Doch die meisten von ihnen sahen nur die schillernde Fassade, die fertigen Artikel, unter denen mein Name stand. Wie oft ich nach einem Arbeitstag komplett ausgelaugt war, wie viele Stunden ich tatenlos vor dem Computer verbracht habe und wie oft ich geweint habe, wissen nur die wenigsten.

Wahrscheinlich fragt ihr euch gerade: Worauf genau will die Oide jetzt hinaus? Oder, wie der Wiener sagen würde: Heast, Deppate, wos wüst? Ganz ehrlich – ich weiß es selbst nicht. In meinem Kopf herrscht gerade ein ziemliches Durcheinander, in das ich keine richtige Struktur bringen kann. Vielleicht stecke ich einfach nur – wie auch meine Freundin Kathi – in einer gewaltigen Quarterlife Crisis, mit hoher Wahrscheinlichkeit überfällt mich auch gerade eine Welle der Zukunftsangst und ich frage mich, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Doch, wie sagte Steve Jobs so schön:

Wer nach vorne blickt, kann nicht wissen, was zusammenhängt. Nur im Rückblick erscheint etwas logisch.

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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4 Comments

  1. Sarah
    3 Wochen ago

    Hallo Julie!
    Total interessanter Bericht. Mir ist es genauso ergangen. Vielleicht hat man vorher einfach selbst diese Vorstellungen gehabt, die andere noch jetzt von dem Beruf haben. Auf Reportage sein, spannende Recherchen machen, mitreißende Texte schreiben. Aber die Wahrheit ist leider exakt so, wie du es beschreibst. Danke für den Satz mit den Brötchen und dem Kaffee. Es IST so. Anfangs habe ich über sowas noch gelacht – dann habe ich es auf Pressekonferenzen selbst gesehen. Und ja, sich bei dem Gehalt jeden Tag 10 oder mehr Stunden um die Ohren zu schlagen ist sicher nicht motivationsfördernd. Übrigens ging es mir auch während meines Studiums (und auch heute immer mal wieder) so wie dir. Ich fühlte und fühle mich nicht so dazugehörig – und frage mich trotz Interesse an der Welt oft, worüber andere da im Detail fachsimpeln. Und ja, es stört mich auch nicht, dass es so ist. Du hast mir mit deiner Beschreibung von dir wirklich extrem aus dem Herzen gesprochen und finde es toll, dass du all deine Bedenken so offen dargelegt hast.
    Ich orientiere mich im Moment etwas neu, weil ich finde, dass das Leben zu kurz ist, um Dinge zu tun, die einen innerlich immer wieder bedrücken und quälen – und die sich einfach falsch anfühlen. Ich hätte eigentlich mal richtig Lust, dich auf einen Kaffee zu treffen, weil ich mich so sehr in dir wiedererkenne. 🙂
    Liebe Grüße,
    Sarah

    Reply
    1. Julie
      1 Woche ago

      Hallo liebe Sarah,
      Bitte entschuldige die späte Antwort! Ich bin total froh, dass es noch andere gibt, die dieselben Erfahrungen gemacht haben und die mir bestätigen können, dass ich mich nicht unnötig aufrege.
      Ich finde es gut, dass du dich neu orientierst – genau das mache ich momentan auch und habe festgestellt, dass vielleicht sogar das Studium, durch das ich mich lange bis zum Abschluss gequält habe, das Richtige für mich ist 🙂 Ich glaube, alles im Leben hat einen Sinn, man muss ihn nur erkennen.
      Alles Liebe,
      Julie

      Reply
  2. Kat
    2 Wochen ago

    Du sprichst mir einfach aus der Seele, Julchen.
    und dafür bin ich wirklich dankbar. 🙂
    Denn es zeigt, dass wir mit unseren Gedanken nicht alleine sind.
    ich kann dich wirklich gut verstehen und hoffe, dass wir bald unseren Weg finden.

    Wishes, Kat

    Reply
    1. Julie
      1 Woche ago

      Wir werden unseren Weg schon machen, Kathilein. Sind ja noch jung 🙂

      Reply

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