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Sonnenuntergang / 7 Tage, 7 Stories

Sonnenuntergang

Die untergehende Sonne kitzelte mich an der Nase und ich unterdrückte den Reflex, zu niesen. Wir sitzen gemeinsam am Wasser und sehen dabei zu, wie die Donau vor uns in ein spannendes, orangefarbenes Licht getaucht wird und sich die Lichtreflexe an der Wasseroberfläche spiegeln. Heute ist es ungewöhnlich warm für einen Tag Ende September und ich freue mich darüber. Für meinen Geschmack ist es zwar immer noch etwas kühl, aber ich arrangiere mich damit. Ich rutsche näher zu dir heran, um etwas von deiner Wärme abzubekommen.

„Dir ist jetzt nicht im Ernst kalt?“, fragst du und ein breites Grinsen umspielt deine Lippen. Ich muss dir nicht antworten, meine schuldbewusste Miene verrät mich. Was unser Wärmebedürfnis angeht, könnten wir uns nicht mehr voneinander unterscheiden. Du konntest immer schon mit T-Shirt und Shorts über den Christkindlmarkt spazieren, während ich bis Mai meine Winterjacke getragen habe. Das hat sich bis heute nicht geändert. Dafür könnten wir uns sonst kaum ähnlicher sein.

„Na gut, komm her“, sagst du und legst deinen Arm um mich. Sofort wird mir wärmer. „Du bist ja wirklich kalt wie ein Eisschrank.“

„Das ist noch gar nichts, du solltest mal meine Hände sehen“, erwidere ich. Hände und Füße kühlen bei mir immer extrem schnell ab und werden innerhalb von Minuten zu Eiszapfen, obwohl es draußen Plusgrade hat. Meine Mama hat einmal gesagt, das sei nur deshalb so, weil sich die ganze Wärme in meinem Herzen vereint. Wenn das stimmt, müssen für dich andere Maßstäbe gelten. Ich kenne viele Menschen, deren Herz ein einziger Eisklotz ist, aber du bist definitiv keiner davon.

Du zuckst zusammen, als ich dir ohne Vorwarnung meine eiskalte Hand in den Nacken lege, störst dich aber nicht weiter daran. Ich glaube sogar, du findest das ganz angenehm. Allerdings würdest du das niemals zugeben. Klug von dir. Sonst müsstest du mir ständig meine kalten Hände wärmen.

Das Farbenspiel auf der Donau wird immer schöner. Das helle Orange hat sich in ein sattes Rot verwandelt. Ein Rot, das den Herbst kaum besser beschreiben könnte. Ich könnte mir keinen schöneren Ort vorstellen, um einen der letzten schönen Tage dieses Jahres ausklingen zu lassen. Unser Lieblingsplatz an der alten Donau ist absolut perfekt dafür.

Und hier sitzen wir nun, aneinander gelehnt, und starren aufs Wasser, das sich in sanften Wellen vor und zurück bewegt. Unsere Schuhe haben wir ausgezogen, um die Füße ins Wasser baumeln zu lassen. Obwohl das Wasser saukalt ist, denke ich nicht daran, etwas an dieser Situation zu ändern. Sie lässt mich sehnsüchtig an den Sommer zurückdenken. Hier haben wir oft die halbe Nacht lang gesessen, die Füße so wie jetzt im Wasser, haben Wein aus der Flasche getrunken und geredet. Ein Gesprächsthema ging nahtlos in das nächste über, wir vergaßen die Zeit und schauten nicht aufs Handy, nur aufs Wasser und in die Augen des anderen. Es war egal, ob wir fröhliche Themen hatten oder solche, die uns an die Substanz gingen. Die Momente, in denen mir die Tränen unaufhaltsam über die Wange gelaufen sind, habe ich ebenso sehr genossen wie die, in denen uns die vorbeilaufenden Jogger schräg angesehen haben, weil wir uns vor Lachen kaum mehr einkriegen konnten.

„Das war ein guter Sommer“, unterbreche ich die Stille zwischen uns. Du verziehst die Lippen zu einem schrägen Lächeln und nickst.

„Ja, das war er wirklich. Zum Glück geht er noch ein bisschen weiter.“

„Ich fürchte, das war heute einer der letzten halbwegs sommerlichen Herbsttage“, sage ich wehmütig.

„Jahreszeiten sind ein Konstrukt“, sagst du. „Wer legt denn fest, dass nun Herbst ist?“

„Ähm, die Meteorologie?“

„Scheiß doch drauf, seit wann interessieren wir uns für so kleinliche Vorschriften?“ Du lehnst dich zurück und grinst mich an. „Sommer ist, was wir draus machen. Und wenn der einzige Unterschied ist, dass wir uns wärmer anziehen, wenn wir hier draußen sitzen, und Glühwein statt Spritzer trinken, ist mir auch egal, wie man die Jahreszeit bezeichnet.“

Ich denke über deine Worte nach und beschließe, dass sie mir gefallen.

„Wenn du das so ausdrückst, freue ich mich ja schon richtig auf den Herbst.“

„Sommer, meine Liebe. Wenn wir wollen, ist es immer Sommer.“

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Ihr seht, ich bin noch immer nicht bereit, den Sommer ziehen zu lassen, weshalb ich auch nicht anders kann, als ihn in eine eigentliche Herbst-Geschichte einzubauen 😉 Welche Jahreszeit ist eure liebste?

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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