In Personal

London, my dearest love!

Piccadilly Circus. Gestresste Menschen hetzen zur U-Bahn, obwohl die nächste in 30 Sekunden kommt. Ich kämpfe mich durch die Massen, stelle mich ganz britisch an, bis ich endlich auf der Rolltreppe stehe. Die Fahrt wird untermalt von harmonischer Harfenmusik, die ich bei näherem Hinhören als Celine Dions „My heart will go on“ identifiziere. Ich halte meine Oyster Card an den Sensor, um mich selbst in die Freiheit zu entlassen, suche mir gezielt meinen Lieblingsausgang und gehe die Stiegen hoch. Der Harfenist spielt nur noch ganz leise, dafür höre ich Gesprächsfetzen in allen Sprachen der Welt, lautes Lachen und die Gitarre eines anderen Straßenmusikers. Als ich einatme, rieche ich die weltbesten Zimtschnecken. Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Ich bin in London.

Es gibt Orte, an denen fühlt man sich angekommen. Für manche ist das das vertraute Elternhaus, für andere die eigene Wohnung, und für mich ist es London. Diese Stadt schafft es immer wieder, mich aufs Neue zu verzaubern. Egal, wie oft ich dort bin, es wird nie langweilig und der Schmerz, der sich durch meinen ganzen Körper zieht, wenn ich im Flieger zurück nach Österreich sitze, wird von Mal zu Mal schlimmer, ebenso wie die Gänsehaut, die ich bekomme, wenn ich aus dem Flieger steige.

London eroberte mein Herz im Jahr 2009. Ich war 14 und schon als ich aus dem Flieger stieg und nur den Flughafen Heathrow durchschritt, hatte ich dieses Kribbeln im Bauch und dieses dümmliche Dauergrinsen auf den Lippen. Ich war verliebt. Während andere Mädels in meinem Alter Poster ihrer Lieblingsstars an den Wänden hatten, war es bei mir das Londoner U-Bahn-Netz. Während andere ihr Geld für Partys und Klamotten auf den Kopf hauten, sparte ich immer eisern für meine nächste Reise in meine Herzensstadt. Und jedes Mal, wenn ich in der Londoner U-Bahn stehe, atme ich ganz tief ein, einfach, um den Geruch zu genießen. Wirklich, nirgendwo riecht es besser, als in der Londoner U-Bahn. Obwohl, doch, bei Cinnabon am Piccadilly vielleicht.

hyde park brücke (1 von 1).jpg

Was mich an London so verzaubert hat? Es ist schwer, das alles in Worte zu fassen. London ist viel mehr als Architektur, Museen und die Tower Bridge. Der Charme von London geht vor allem von den Londonern aus, wenn es den typischen Londoner denn gibt. Jedes Mal, wenn ich in London bin und mit den Einheimischen spreche, habe ich das Gefühl, willkommen zu sein. Ich habe das Gefühl, in guter Gesellschaft zu sein. Die Briten haben diese unaufdringliche Höflichkeit, die sie für mich zum angenehmsten Volk der Welt macht. Wenn man einen Briten anrempelt, entschuldigt er sich. In wunderschönem Englisch, versteht sich. Sobald ich wieder in der Heimat bin, empfinde ich den höflichsten Österreicher als unfreundlich, weil ich mich in Großbritannien in nur wenigen Tagen an andere Standards gewöhnt habe.

London ist eine riesige Stadt und doch sind es gerade die Kleinigkeiten, die mich so daran verzaubern. Es ist die selbstverständliche Frage, ob ich gerne Milch zu meinem Earl Grey hätte, die ich in Österreich niemals gestellt bekommen würde. Es ist die Ruhe, die sogar in der vollsten U-Bahn herrscht, weil die Briten nicht herumschreien. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich niemand vordrängt und mit der sich alle auf die rechte Seite der Rolltreppe stellen (liebe Innsbrucker, nehmt euch verdammt noch mal ein Beispiel, es ist nicht so schwer!). Es sind die Straßenkünstler, die so viel Talent haben, dass ich ihnen gerne zusehe, während ich zu denen in Innsbruck immer genügend Sicherheitsabstand wahre. Es ist die Tatsache, dass man im Hyde Park in Ruhe Schwäne füttern kann, während nur ein paar hundert Meter weiter wieder geselliges Treiben herrscht.

hyde park (1 von 1)
Hyde Park – wie im Märchen

Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich Tränen in den Augen. Auch, wenn mein Ausblick auf den blauen Himmel und die Berge gerade wunderschön ist und die Vögel mich mit ihrem Gesang niederzwitschern, komme ich nicht umhin, meine Herzensstadt schon wieder zu vermissen, obwohl ich gerade erst letzte Woche dort war. Ich bereue es, nicht mehr gelaufen zu sein, nicht mehr Make-up aus dem coolen Laden gekauft und nicht mehr Tee mitgebracht zu haben. Und doch freue ich mich, dass ich es nicht getan habe, weil mir das einen weiteren Grund liefert, so schnell wie möglich wieder in meine Lieblingsstadt zu fahren. Oft begegnen mir Menschen mit Unverständnis, wenn ich sage, dass ich schon wieder nach London fahre. Ich weiß auch, dass ich mir für dieses Geld schon längst den Traum von New York erfüllen hätte können. Aber ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich das jemals bereut hätte.

Es gibt Orte, die eine magische Wirkung auf einen haben und einen einfach inspirieren. Bei mir ist das die britische Hauptstadt mit ihren wunderbaren Einwohnern. Jedes Mal, wenn ich dort bin, komme ich mit einem Kopf voller neuer Ideen zurück. Auch, wenn es selbst dort nicht nur die allertollsten, berauschendsten Tage gibt: A bad day in London is still better than a good day anywhere else.

buckingham palace (1 von 1)

Wart ihr schon mal in London? Wenn ja, wie hat es euch gefallen? Seid ihr auch so begeistert wie ich, oder sind euch andere Orte lieber?

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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Posted on 12. April 2016

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Posted on 1. Juli 2016

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18 Comments

  1. Armita
    6 Monaten ago

    Ich kann deine Meinung nur teilen. Ich war letztes Jahr das erste mal in dieser Stadt und ich bin mir sicher es war nicht das letzte mal. Es war für mich extrem beeindruckend durch diese stadt zu spazieren und die freundlichen londoner kennen zu lernen. Heuer ist new york geplant. Schauen ob diese Stadt mit London mithalten kann

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      6 Monaten ago

      Die Londoner sind echt so unglaublich freundlich. Bin gespannt, wie dir New York gefällt, da fliegen wir vielleicht nächstes Jahr hin 😊

      Reply
      1. Armita
        6 Monaten ago

        Ich werde dir davon berichten

        Reply
  2. lophornia
    6 Monaten ago

    Mir geht es mit London wie dir. Es ist, wie nach Hause zu kommen.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      6 Monaten ago

      Genau das Gefühl habe ich auch immer 😊

      Reply
  3. Carina
    6 Monaten ago

    Liebe Julie,
    ich krieg echt Fernweh, wenn du und Kat immer wieder von London schreibt.
    Aber ich kann mir den Wunsch aufgrund des Studiums nicht leisten, indem Sinne, dass zu viel zu tun ist und mein Urlaub bis July im Prinzip verbraucht ist. 😭
    Unglaublich was ein so schöner Text auslösen kann! ❤
    Danke, danke liebe Julie!
    Liebe Grüße,
    Carina.
    P.S.: Was sollte man unbedingt gesehen haben in London?

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      6 Monaten ago

      Danke liebe Carina!
      Ich hoffe, du kannst dir den Traum doch noch mal erfüllen!
      Ich bin ein Fan von Covent Garden und den coolen Geschäften dort. Genial ist die M&Ms World am Piccadilly, Musicals sind alle mega und der Hyde Park ist wunderschön. Wenn du Harry Potter magst, natürlich die Studio Tour 😍
      LG und schönen Sonntag!

      Reply
  4. Lydia
    6 Monaten ago

    So unterschiedlich kann die Wahrnehmung sein. Für mich ist London eng, dunkel, kalt und regnerisch. Aber das Essen ist lecker. 😉 Dafür liebe ich New York. Das Heimatgefühl habe ich komischerweise immer in Italien – egal wo. Und höflicher als die Berliner sind die Leute eigentlich überall.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      6 Monaten ago

      Ach echt? Ich hatte bisher immer Glück mit dem Wetter, bei mir hat’s nur einmal leicht genieselt 😀 in New York war ich leider noch nie. Und Italien ist echt ein Traum, ich wohne da zum Glück gleich an der Grenze und kann da schnell mal runter fahren 🙂 ich fand die Berliner bisher eigentlich nicht so ungut, die Berliner Schnauze muss man halt mögen 😀
      LG Julie

      Reply
  5. salzigeluft
    6 Monaten ago

    Mir geht es mit London ganz genauso wie dir! Ich habe dort 1 Jahr meines Lebens verbracht und es fühlt sich für mich wie eine 2te Heimat an. Ich finde das Besondere an London ist, dass es immer etwas zu entdecken gibt. Auch nach 1 Jahr Aufenthalt plus zig weiteren Besuche finde ich immer wieder etwas, was ich noch nicht gesehen habe. Man muss einfach nur loslaufen und hinter der nächsten Ecke wartet schon wieder etwas Spannendes <3

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      6 Monaten ago

      Wow, ein Jahr! Wie toll! Wie kam es dazu? 😊 genau das liebe ich auch so an London, überall ist was Tolles 😍

      Reply
      1. salzigeluft
        6 Monaten ago

        Ich liebe den britischen Akzent und wollte nach dem Abi einfach mal was Neues sehen und dann ging’s nach London 🙂

        Reply
        1. diemitdemrotenlippenstift
          6 Monaten ago

          Wie cool! Da bin ich sehr neidisch 😍

          Reply
  6. barbarella149
    6 Monaten ago

    Ich kann Dir nur beipflichten. London ist auch für mich eine der schönsten Städte der Welt. Eigentlich sogar die Schönste. Denn gerade dieses typisch britische Flair und die alten Gebäude zwischen den supermodernen Glasfassaden sind ein Anziehungspunkt. Ich bin überhaupt ein Großbritannien-Fan und liebe alles was mit der Insel tun hat. London ist definitiv eine Traumstadt und immer eine Reise wert.

    Viele Grüße, Barbarella <3

    https://barbarella149.wordpress.com

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      6 Monaten ago

      Kann ich dir nur voll und ganz beipflichten. Eben dieser Architekturmix ist es auch, was London so ausmacht!
      LG Julie ❤

      Reply
  7. Tanja im Norden
    6 Monaten ago

    Ich war bisher zweimal dort, aber beide Male ist kein Funke übergesprungen. Dafür habe ich wunderbare Erinnerungen an Paris, das ich fast gleichzeitig mit London kennenlernte.

    Reply
    1. diemitdemrotenlippenstift
      5 Monaten ago

      Lustig, Paris mag ich wiederum überhaupt nicht 😀 so verschieden sind Geschmäcker manchmal!

      Reply
      1. Tanja im Norden
        5 Monaten ago

        So unterschiedlich wie die beiden Städte sind, kann man vielleicht nur eine davon wirklich lieben.

        Reply

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