In Personal

Jeder könnte der nächste Chester sein

Wir schrieben den 20. Juli. Ein Donnerstag. Ich lag im Bett in einem aufgeräumten Hotelzimmer in Barcelona, die Beine von mir gestreckt, nach einem anstrengenden Tag voller Sightseeing. Wir hatten eine kleine Kirche entdeckt und ich hatte eine Kerze angezündet. Normalerweise zünde ich immer drei an, eine für meine Mama, eine für meinen Stiefpapa und eine für mich. Heute war es nur eine gewesen. Ich hatte einen leichten Sonnenbrand im Nacken und war müde. Nur noch eine schnelle Instagram-Runde, sagte ich mir, dann würde ich schlafen gehen. Vielleicht noch etwas lesen. Doch dann entdeckte ich das Bild. Ich musste lächeln, als mir Chester Bennington, Frontmann von Linkin Park, auf meinem Handybildschirm entgegenblickte. Doch mein Lächeln fror auf meinen Lippen ein, als ich die Unterschrift „#rip“ sah. Ich schoss in die Höhe, murmelte: „Fuck, das darf nicht sein.“ Mein Freund sah mich verständnislos an, während ich fanatisch „Chester Bennington“ in Google eintippte, was mir die schreckliche Nachricht bestätigte: „Chester Bennington – gestorben am 20. Juli“. Plötzlich wusste ich, für wen ich diese eine Kerze angezündet hatte. Mir blieb die Luft weg – und mit mir schien die ganze Welt den Atem anzuhalten.

Warum berührt sein Tod so viele Menschen?

Ich kann mich an den Tod vieler prominenter Menschen erinnern – Michael Jackson, Whitney Houston, Amy Winehouse… Die Liste ist lang. Bei keiner dieser großen Persönlichkeiten schienen die Menschen so viel Anteil zu nehmen wie bei Chester. Noch nie habe ich so viele Menschen im Internet um eine berühmte Persönlichkeit trauern sehen. Jeder scheint etwas mit ihm zu verbinden. Das liegt aber sicherlich nicht nur daran, dass man seine Stimme unter tausenden heraushören konnte. Klar, die Musikwelt verliert ein riesiges Talent. Das ist schade, natürlich, aber es ist nicht weltbewegend.

Was die Menschen so an Chester schätzten, war seine Art, mit seiner Musik direkt ins Herz zu treffen. Wer sich einmal die Musik von Linkin Park anhört und sich dabei auf den Text konzentriert, erkennt sich darin sehr oft wieder. Es ist, als würde Chester in seinen Songs die Gefühle jedes Einzelnen ausdrücken. Dadurch machte er sich nahbar. Er drückte damit aus: „Ich bin einer von euch. Ich habe auch Probleme. Ihr seid nicht allein.“

Chesters Stimme hat mich immer abgeholt, egal, ob ich glücklich oder traurig war. Wenn ich das Gefühl hatte, nicht mehr aufstehen zu können, hat Chester sich neben mich gesetzt und mich mit seinen Worten umarmt. Wenn ich vor Glück hätte schreien können, schrie Chester mit mir und ließ so diese Momente noch kraftvoller erscheinen. Und ich kann mir vorstellen, dass es vielen anderen Menschen genau so ging.

Depressionen: Es kann jeden treffen

Viele Fragen sich, wie man eine erfolgreiche Karriere, eine Band und eine Familie mit sechs Kindern einfach so zurücklassen kann. Aber „einfach so“ ist sicherlich der falsche Ausdruck. Denn „einfach so“ trifft niemand diese Entscheidung. Chester bestätigte vor Jahren, dass er als Kind sexuell missbraucht wurde, was ihn als Erwachsener immer wieder in Depressionen stürzte. Auch Drogen sollen im Spiel gewesen sein, die vor allem in Kombination mit psychischen Störungen ziemlichen Schaden anrichten können. Was in seinem Leben noch passiert ist, wissen wir nicht. Wir kennen nicht alle Hintergründe seiner Tat und dürfen uns daher auch kein Urteil darüber erlauben.

Wenn Chesters Suizid eines bewiesen hat, dann das: Depressionen machen vor niemandem Halt. Kein Geld der Welt, kein Ruhm der Welt kann einen davor bewahren, dass einem das Leben zu schwer wird. Und nicht mal Familie und Freunde können einem die Last von den Schultern nehmen.

Nicht immer weiß man sofort, wer betroffen ist. Es kann unser netter Postbote sein, der immer so freundlich ist, die Päckchen bis in den vierten Stock zu bringen. Es kann die Kassiererin im Supermarkt sein, in dem wir immer einkaufen. Unser Steuerberater. Der eigene Bruder. Eine Arbeitskollegin. Oder man selbst.

Ja, ich hatte Depressionen

Ich gehöre zu den Menschen, die es getroffen hat. Mit zwölf Jahren fing es an. Ein falscher Satz aus meinem Mund und ich wurde zum Mobbingopfer in der Schule. Schon in diesem zarten Alter musste ich feststellen, wie grausam Kinder sein können – falls sich also jemand fragt, warum ich mich so gegen Kinder sträube: Das ist der Grund dafür. Meine Klasse wurde von drei meiner ehemaligen Freundinnen gegen mich aufgehetzt, grenzte mich aus, schickte mir böse SMS, verspottete mich für alles, was ich sagte oder tat. Und jedes einzelne höhnische Lachen, jeder abfällige Blick zerstörte mich ein wenig mehr.

Selbst in der Oberstufe, nachdem das Mobbing großenteils aufgehört hatte, fühlte ich diese Leere in mir. Es passierte einfach. Ich konnte mich zu nichts mehr aufraffen, redete kaum noch und war zu nichts mehr in der Lage. Ich vertraute mich meiner damals besten Freundin an. Doch sie verdrehte nur die Augen und sagte mir: „Du spinnst doch, du brauchst nur Aufmerksamkeit.“ Wie oft ich mich damals gefährlich nahe über die Brüstung meines Balkons gelehnt habe und mir vorgestellt habe, wie es wäre, hinunterzuspringen, weiß sie bis heute nicht.

Was wir alle aus Chesters Tod lernen können

Chesters Tod hat viele Menschen betroffen gemacht. Aber es reicht nicht, um einen genialen Musiker zu trauern und nach einer Woche so weiterzumachen wie bisher. Es wird Zeit, dass wir bewusster miteinander leben und auf unsere Lieben achten. Nicht mehr nur wie Besessene ins Smartphone glotzen, sondern einander ansehen. Nachfragen, wenn uns jemand seltsam vorkommt. Zuhören. In den Arm nehmen. Kraft spenden. Liebe geben.

Vor allem aber wird es Zeit, dass wir anfangen, psychische Krankheiten nicht mehr auf die leichte Schulter zu nehmen. Wir reagieren sofort, wenn jemand eine klaffende Wunde hat, und nehmen Anteil, wenn jemand auf Krücken geht. Aber wenn unser Herz blutet, werden wir nur ermahnt, uns doch mal zusammenzureißen. Schließlich geht es anderen Menschen noch viel schlechter. Ja, mag sein. Aber das Leid anderer stuft unser eigenes Leid nicht herab! Wenn wir glücklich sind, werden wir doch auch nicht ermahnt, uns gefälligst am Riemen zu reißen, weil andere schließlich noch viel glücklicher sein könnten.

Depressionen sind ganz große Arschlöcher. Ebenso wie die Menschen, die sie belächeln.

Auf dich, Chester!

Am nächsten Tag gingen wir an den Strand. Ich wartete, bis mein Freund im nahe gelegenen Calisthenics-Park trainieren ging, öffnete mir eine Dose Cider und schaute auf den Himmel, der an diesem Tag auch kurz vorm Weinen schien. Das Wasser schlug hohe, aggressive Wellen, als wolle es auch gegen den Tod von Chester protestieren. Es schien mir falsch, jetzt im Urlaub zu sein, während die Welt einen Moment aufgehört hatte, sich zu drehen.

„Auf dich, Chester! Du warst ein großer Mann“, murmelte ich vor mich hin und prostete dem Himmel zu, bevor ich die Dose in einem Schluck halb leer trank. Dann fielen einige Tropfen in den Sand. Kondenswasser vermischte sich mit meinen Tränen und inmitten von gut gelaunten Menschen, die sich die Sonne, die sich ihren Weg wieder durch die Wolken gebahnt hatte, auf den Bauch schienen ließen, begann ich bitterlich zu weinen.

Nummern der Telefonseelsorge:

142 (Österreich)

+49 (0)800 111 0 111  (Deutschland)

143 (Schweiz)

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9 Comments

  1. Hexen und Prinzessinnen
    3 Wochen ago

    das hast du sehr schön geschrieben…..ich kann es immer noch nicht glauben 🙁 RIP Chester, auf das die Welt, die Augen öffnet……

    Reply
    1. Julie
      3 Wochen ago

      Dankeschön! Ich kann es auch immer noch nicht glauben, obwohl es jetzt schon eine Woche her ist… Ich hoffe einfach, dass sein Tod der Welt, wie du schon so schön sagst, die Augen öffnet und dass er damit seinen Frieden gefunden hat. Für seine Familie hoffe ich, dass sie diesen auch noch irgendwann finden werden 🙁

      Reply
      1. Hexen und Prinzessinnen
        3 Wochen ago

        ja die armen Kids, die tun mir am meisten leid…….ich hoffe für sie, dass sie es unbeschadet überstehen….
        (warum geht das Video hier nicht, dass ist soooo schön 🙁

        Reply
  2. buchmaid
    3 Wochen ago

    Ach Liebes….Dein Beitrag berührt mich sehr und ich hab Tränen in den Augen.
    Danke für diesen Post und fühle dich gedrückt von mir! Ich fühle deinen Schmerz wie du bereits weißt. 💜

    Ich wünsche mir, dass noch viel mehr anfangen darüber zu reden! Denn wir sind viele! Und vielleicht erreichen wir dadurch , dass die Menschheit etwas offener und toleranter wird gegenüber dem Thema Depressionen und Suizid! Denn es darf nicht weiter Tod geschwiegen werden.

    Schön, dass es dich gibt!

    Reply
    1. Julie
      3 Wochen ago

      Danke liebe Jennie!!
      Ich habe auch immer noch Tränen in den Augen und will es noch nicht realisieren. Deine Wünsche teile ich vollkommen und kann dir nur sagen, dass du bereits deinen Beitrag dazu leistest, dass mehr Menschen auf dieses Thema aufmerksam werden. Dafür möchte ich dir danken.
      Es ist auch schön, dass es dich gibt!

      Reply
  3. Vroni
    3 Wochen ago

    Liebe Julie,
    Dein Beitrag ist wirklich tiefgehend und aus diesem Grund sehr emotional. Zudem hat mich deine persönliche Geschichte zu diesem Thema berührt – es tut mir von ganzem Herzen leid, dass du als Kind selbst gelitten hast und sogar diese Gedanken hattest… Ich hoffe, dass es dir mittlerweile wieder besser geht und du auf die Liebe deiner Mitmenschen vertrauen kannst! <3
    Den Abschnitt "[…] Aber wenn unser Herz blutet, werden wir nur ermahnt, uns doch mal zusammenzureißen. Schließlich geht es anderen Menschen noch viel schlechter. Ja, mag sein. Aber das Leid anderer stuft unser eigenes Leid nicht herab! […]" kann ich wahrlich nachvollziehen, da mir diese Worte ebenso immer wieder zugeworfen werden und ich mir dann haargenau dasselbe denke wie du…
    Danke dir, dass du Artikel wie diese verfasst!
    Alles Liebe,
    Vroni <3

    Reply
    1. Julie
      3 Wochen ago

      Danke liebe Vroni für deine Worte <3
      Mittlerweile geht es mir tatsächlich um einiges besser. Auch, wenn ich immer wieder Zeiten habe, in denen ich zurückfalle, ging es doch tendenziell stark bergauf, als ich der Schule für immer den Rücken gekehrt habe. Aber mit Depressionen ist das so eine Sache. Ganz sicher ist man vor ihnen leider nie..
      Es tut mir sehr leid, dass auch du Erfahrungen mit unsensiblen Menschen machen musstest, die so etwas nicht checken. Da kommt dann immer sowas wie "Anderen gehts viiiiiel schlechter ... sei nicht so undankbar .... Kinder in Afrika ... einfach mal zusammenreißen und glücklich sein ... Syrien ... Mimimimimi". Solche Kommentare sind leider einfach nur dämlich und unreflektiert.
      Ich danke dir für den lieben Kommentar!
      Alles Liebe auch für dich <3

      Reply
  4. Nicci Trallafitti
    3 Wochen ago

    Liebe Julie,
    ein berührender und sehr ehrlicher Beitrag, danke dafür.

    <3

    Lieben Gruß,
    Nicci

    Reply
    1. Julie
      3 Wochen ago

      Danke liebe Nicci <3

      Reply

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