In Mimimi-Montag

Behindert und schwul sind keine Schimpfworte! / Mimimi-Dienstag

Eine neue Woche ist angebrochen und nachdem wir Österreicher dank Nationalfeiertag ein verlängertes Wochenende hatten, das ich persönlich mit einer lieben Freundin in Berlin verbracht habe, und nun dank Allerheiligen und Allerseelen wieder eine kurze Woche ansteht, sollte man meinen, dass ich diesmal kaum einen Anlass hätte, mich zu beschweren. Naja, stimmt so nicht ganz. Nachdem wir am Donnerstagabend spontan erfahren haben, dass unser gebuchter AirBerlin Flug nun doch nicht mehr abheben würde, und danach einen Zug für Sonntag buchten, der dann auch wegen eines lieben Sturms namens Herwart ausgefallen ist, bin ich nun nach einer kurzen Nacht mit ungefähr 3 Minuten Schlaf, aber dafür umso mehr Cocktails im Blut bestens aufgelegt für ein wenig Mimimi. Ausnahmsweise heiße ich euch also heute Willkommen zum Mimimi-Dienstag!

Klo-Trödler

Die Vorlesung beginnt in fünf Minuten und die Blase drückt – eine Situation, mit der ich mich ungefähr alle zwei Tage konfrontiert sehe. Obwohl ich es besser wissen müsste, kann ich den biologischen Imperativ nicht ignorieren, sodass es mich doch ins Damenklo statt in den Hörsaal treibt. Wie erwartet, ist die Schlange mal wieder schier endlos und nicht zum ersten Mal wünsche ich mir, doch als Mann geboren worden zu sein und werfe einen neiderfüllten Blick auf das unbevölkerte Männerklo. Aber mein Geschlecht kann ich in diesem Moment spontan schlecht ändern und außerdem trage ich viel zu gerne Kleider, als dass ich diese Möglichkeit wirklich in Erwägung ziehen würde. Also arrangiere ich mich mit meinem Schicksal und warte.

Und warte.

Und warte. Und nach einer Viertelstunde warte ich immer noch, ohne dass sich die Schlange auch nur einen Millimeter nach vorn bewegt hätte. Und in diesen Momenten frage ich mich immer: Was genau treiben diese Weiber, die gefühlt drei Stunden am Klo brauchen, da drin? Pinkeln sie einfach extrem lange? Sind sie auf der Schüssel eingeschlafen? Drehen sie ihre Tampons selbst? Moderieren sie da drin den Eurovision Song Contest? Ich weiß es nicht.

Menschen, die nervtötend langsam laufen

Wenn wir schon bei trödelnden Menschen sind, muss ich dieses Thema auch gleich weiterführen. Ich denke, so ziemlich jeder war schon einmal in dieser Situation. Man hat es eilig (oder möchte einfach nur in normalem Tempo seinem Alltag nachgehen) und dann geht vor einem ein Mensch, bei dem man sich fragt, ob er eine Nacktschnecke bei einem Wettrennen gewinnen lassen möchte. Aber dieser Mensch geht nicht nur extrem langsam, nein, er geht tendenziell auch immer genau in der Mitte des Gehsteigs, sodass nur wenig Platz zum Überholen bleibt. Und wenn man dann doch mal den imaginären Blinker setzt, kann man sich darauf verlassen, dass er genau dann, wenn man zum Überholen ansetzt, in genau diese Richtung ausschert.

Besonders nervig ist es, wenn diese Menschen in der Gruppe auftauchen und dann zu dritt nebeneinander hergehen, sodass nicht an ein Vorbeikommen zu denken ist. Ich glaube, jeder erkennt die Dramatik dieser Situation. Und wenn nicht, hattet ihr bisher entweder unverschämtes Glück oder ihr seid Berliner. Da ist ein normaler Gehsteig nämlich ungefähr so breit wie in Wien eine vierspurige Autobahn.

Menschen, die einen ungefragt fotografieren oder filmen

Ich bin zugegebenermaßen nicht oft in der Situation, dass mich jemand einfach so fotografiert oder filmt. So fame bin ich dann auch wieder nicht. Aber es gibt diese Menschen im Freundeskreis, die sich offenbar gezwungen sehen, jedes Treffen mit Freunden in ihren Instastories festzuhalten. Und ich weiß, es erscheint etwas paradox, wenn jemand wie ich, der etwas selbstdarstellerisch veranlagt ist und fast täglich eine Story auf Instagram teilt, sich über Leute aufregt, die ähnliches tun. Aber es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen „sich selbst darstellen“ und „andere ungefragt darstellen“. Letzteres geht meiner Meinung nach einfach gar nicht.

Ich poste gerne mal ein Selfie, während ich auf einen Freund warte und habe nichts gegen Leute, die das auch tun. Aber ich kenne solche Menschen, mit denen verabredet man sich und noch während man auf sie zugeht, sieht man schon, dass sie ihr Handy auf einen gerichtet haben und noch bevor sie einen überhaupt begrüßen (oder einem die Chance geben, sich zu wehren), haben sie das Zusammentreffen schon auf einem sozialen Netzwerk ihrer Wahl geteilt und meine hochrote Birne und mein Resting Bitch Face landen auf Instagram, Snapchat und Facebook. Finde ich unhöflich hoch zehn und ich möchte mich dann am liebsten wieder umdrehen und gehen, während ich den Stinkefinger für deine virtuellen Freunde hochhalte. Ist ja schön, dass du deinen Followern beweisen willst, dass du auch reale Freunde hast. Aber frag mich bitte vorher, ob mir das auch recht ist. Danke!

Leute, die „behindert“ und „schwul“ als Schimpfworte benutzen

Gerade die 12-17-jährigen (was für ein seltsames Wort!) Assibräute und -bräutigame in den Wiener Linien lassen gerne mal Sätze wie „Boah, Oida, das is soooo behindert!“ oder „Was? Die U-Bahn hat Verspätung? Is ja ur-schwul!“ verlauten. Mag ja sein, dass euch irgendwas an einer bestimmten Situation nicht passt. Aber, und ich weiß, ich könnte diesen Satz jeden Tag ungefähr dreißig Mal loslassen: Behindert und Schwul sind keine Schimpfworte! Es gibt so viele wunderschöne Schimpfwörter auf diesem Planeten, gerade die Wiener wissen das. Von mir aus ist es gschissen, dass die U-Bahn verspätet ist, oder es is oasch, scheiße oder einfach nicht besonders leiwand. Aber was genau diese Situation behindert oder schwul macht, erschließt sich mir nicht ganz. Behindert oder schwul zu sein, sucht man sich nicht einfach aus. Aber man kann sich aussuchen, ob man ein gschissener Wichser sein will.

Vielleicht mag es überraschend wirken, dass die widrigen Umstände, unter denen wir dieses Wochenende leiden mussten, keinen eigenen Punkt beim heutigen Mimimi-Dienstag verdienen. Aber ich muss sagen, nachdem der erste und zweite Schock verdaut waren, haben wir das beste aus der Situation gemacht und hatten noch einen wunderbaren Tag in Berlin. Insofern werde ich mich darüber nicht beschweren. Habe ja auch so genug Stoff zum Meckern 😉 Bitte verzeiht mir, dass der Mimimi-Montag diese Woche zum Mimimi-Dienstag wurde!

Eure Julie,

Die mit dem roten Lippenstift

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Posted on 16. Oktober 2017

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9 Comments

  1. Laurel Koeniger
    3 Wochen ago

    Absolut deiner Meinung, was für ein schöner Beitrag! Haha, auf seine Art auch ziemlich wienerisch! 😀 Was mich heute besonders nervt, ist dass mein Blog seit über 12 Stunden down ist- gerade, wenn ich viel vorbereiten und daran arbeiten wollte.

    Liebe Grüße,
    Laurel

    Reply
    1. Julie
      1 Woche ago

      Hey Laurel, vielen Dank für deinen Kommentar! Freut mich sehr, dass dir der Beitrag gefallen hat 🙂
      Und ich kenne das Problem, sowas ist sooo ärgerlich! Ich hoffe, du konntest dann deiner Arbeit doch noch gut nachgehen 🙂

      Liebe Grüße,
      Julie

      Reply
  2. Gabi
    3 Wochen ago

    Hallo Julie, wie immer amüsant und Du hast recht was Schimpfwörter anbelangt. Die Klo-Trödler trickse ich schon lange aus. Eine laaange Schlange vor dem Damenklo…speziell bei Vorträgen, in Lokalen bei Festen usw. Ich schaue mich kurz um, das Herrenklo ist zu 99% frei, das Behindertenklo zu 100% und ich bin eine von den schnellen. Die Blicke der Damen, die mich verfolgen wenn ich da reinspaziere sind filmreif! Meist folgen sie dann meinem Beispiel. Lg. Gabi

    Reply
    1. Julie
      1 Woche ago

      Danke liebe Gabi! Bei uns sind leider immer mehr Behindertenklos mit Eurokey gesichert, weshalb diese Möglichkeit leider langsam aber sicher ausstirbt. Das mit dem Männerklo mache ich auch gelegentlich in Bars, aber in der Uni geht’s leider fast nie 😀
      Liebe Grüße,
      Julie

      Reply
  3. Nicci Trallafitti
    3 Wochen ago

    „Aber man kann sich aussuchen, ob man ein gschissener Wichser sein will.“ So ist es 😀
    Obwohl ich den Satz „Ob du behindert bist hab ich gefragt“ in Ausnahmefällen unter engen Freunden recht witzig finde. Und nein, ich bin kein Mensch der nicht zwischen ernsthaft behindert und behindert als Beschimpfung differenzieren kann, schließlich arbeite ich in einer Psychiatrie und bin zwischendurch mal mit ernsthaft behinderten konfrontiert, was eher weniger witzig ist, wobei ich sagen muss, dass gerade die häufig Witze drüber machen. Der Besitzer der deutschen Behindertenwitzeseite sitzt übrigens im Rollstuhl.
    Diese Klo-Trödler verstehe ich auch nicht, aber noch weniger verstehe ich diese Mädels, die sich 3 Stunden lang für ne Party stylen und hinterher minimal anders aussehen als vorher. Das ging mir damals (ich bin alt) so auf den Sack, weil ich dadurch warten musste und quasi schon eingepennt bin dabei.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    Reply
    1. Julie
      1 Woche ago

      Naja, unter Freunden ist das ja auch immer was anderes, finde ich 😉 Und drüber witzeln darf man ja auch. Ich reiß auch Blondinenwitze oder mach mich über Ausländer lustig, weil ich selbst nen kleinen Migrationshintergrund hab. Das is ja alles kein Thema. Aber wenn dann so Sprüche wie „Schwule Sau“ oder Ähnliches fallen, geht das einfach unter die Gürtellinie. Aber klar, Witze darf man immer machen 😉
      Hahaha, ja, da verstehe ich dich auch! Ich bin ja eher mehr von der Fraktion, die sich fünf Minuten vorn Spiegel stellen – und das ist bei mir schon lang^^
      Liebe Grüße,
      Julie

      Reply
      1. Nicci Trallafitti
        1 Woche ago

        Da hast du recht. 🙂
        Oft ist weniger halt mehr, haha.

        Reply
  4. bewegend-begeistern
    2 Wochen ago

    Hallo Julie, zum Thema Klotrödler möchte ich mich an dieser Stelle bemerkbar machen:
    Ich dreh durch wenn sich die Dämchen hygenischer Weise nicht auf die „Brille“ setzten, diese aber dann besprenkeln wie ein Frühbeet! Nicht nur das, sie finden es nicht der Mühe wert, ihre Urinprobe wegzuwischen. Da ich anderen das ersparen will, bleibt mir nix anderes übrig, als mit dem mitgeführten Gummihandschuh und Toilettenpapier diese zu beseiteigen. Die Unhygiene mit weiterem Toilettenpapier abzudecken, um dann meine Blase zu erleichtern. Dieses beansprucht natürlich auch Zeit. Aber die Dame hinter mir kann sich über ein sauberes, unbepisstes Klo freuen.
    Im übrigen mache die „Dame“ darauf aufmerksam, falls sie gerade vor mir war.
    lg ingrid

    Reply
    1. Julie
      1 Woche ago

      Dankeschön! Das denke ich mir auch immer: Wir hätten das Problem mit vollgepinkelten Klobrillen nicht, wenn sich jeder einfach hinsetzen würde^^ Dennoch muss man halt manchmal einfach wirklich dringend aufs Klo und dann ewig zu warten, bis die Damen da drin ihr Ritual vollzogen haben, geht einem mitunter ganz schön auf den nicht vorhandenen Sack 😉
      LG Julie

      Reply

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